Instrumentallehrer zwischen Sonderpädagogik, Edutainment und Erschöpfungsdepression

Haben Sie auch Schüler, die nicht oder nur ganz wenig üben? Wenn ja - wünschten Sie sich ein kleines Druckmittel, das sie aber nicht haben, weil ja jeder Schüler gleichzeitig ihr "König Kunde" ist? Haben Sie schlimmstenfalls manchmal das Gefühl, dass sie Verantwortung dafür haben, dass ihr Schüler keine Lust hat? Das negative Gefühl bei der Arbeit verringert sich deutlich, wenn man den sonderpädagogischen Status des privaten Instrumentallehrers akzeptiert und versucht, mit weniger Eifer mehr Spaß zu haben ... und am Ende sogar mehr Erfolg.  

Die meisten Instrumental-Unterrichtsverhältnisse sind privatwirtschaftlich organisiert. Der Instrumentallehrer ist ein Dienstleister und der Schüler ein Kunde, welcher für das Honorar des Lehrers aufkommt - mindestens. Diese Realität wird zuweilen verdeckt, weil Eltern die "Auftraggeber" sind. Aber im Grunde ändert es nichts daran: Im Instrumentalunterricht geht es antiautoritärer zu als in der Waldorfschule. Es gibt kein definiertes Ausbildungsziel, keine  Leistungsnachweise und keine festgelegte Ausbildungsdauer. Der Schüler wird solange unterrichtet, wie er lustig ist. Die Pädagogik folgt deshalb dem Lustprinzip. Eigentlich ist das paradox. Instrumentalunterricht ist eine spezielle Form der Unterhaltungskunst geworden. Man muss das nicht anerkennen, aber dann muss man damit leben, dass einem die Schüler davonlaufen. Doch bevor sie weglaufen, gehen sich Lehrer und Schüler für ziemlich viel Geld gehörig auf die Nerven. 

Instrumentalunterricht ist für den Schüler eine Freizeitaktivität, die - egal ob Kind oder Erwachsenener - mit vielen anderen Aktivitäten konkurriert. Im besten Falle werden die Kapazitäten von Pflichten wie Ausbildung, Arbeit oder Familie beschnitten. Oft ist es aber schlicht und ergreifend die mangelnde  Lust. Das ist auch ganz normal, denn andere Aktivitäten sind attraktiver als das Musikmachen (vom Üben will ich ja gar nicht reden). 
Kein Spaß - kein Erfolg, kein Erfolg - kein Spaß. Der Instrumentallehrer ist ein Sonderpädagoge. Seine besondere Fähigkeit besteht darin, geschickt in diese Abwärtsspirale einzugreifen, welche sich meist schon nach wenigen Monaten zu drehen beginnt. Und eine weitere besondere Fähigkeit sollte darin bestehen, das Frustrationspotential einzuschätzen, das durch zu hohe Ansprüche in der  musikalischen (Volks-)Bildung entsteht - vor allem beim Lehrer, denn er kann höchstens den Job, nicht aber die Schüler wechseln. Etwas krass formuliert hat er langfristig die Wahl zwischen Edutainment und Erschöpfungsdepression.  

Was meine ich mit Edutainment (Wortgemisch aus Education und Entertainment)? Ein Bildungsunterhalter geht grundsätzlich davon aus, dass der Schüler keine Leistung zu erbringen hat, außer am Unterricht teilzunehmen und dafür zu bezahlen. Der Edutainer bietet, genauso wie ein Entertainer, ein von ihm erarbeitetes Programm an. Er geht davon aus, dass dieses Programm letztlich die vom Rezipienten gewünschte Wirkung hat, welche konkret wäre, dass der Schüler Musikmachen können soll. Ein Unterhaltungskünstler kann das Publikum nicht dazu verpflichten, dass es klatscht und tanzt und mitsingt, obwohl das Publikum genau das am liebsten möchte. Analog dazu ist sich der Edutainer dessen  bewusst, dass allein der Inhalt seines Programms den Schüler zur (durchaus notwendigen und letztlich von beiden Seiten gewollten) Mitarbeit ( = zu Hause üben) bewegen kann. Und am besten wäre es, wenn er seine Darbietung zur Not auch ohne Mitarbeit des Schülers erbringen kann - so wie ein guter Unterhaltungskünstler auch mit widrigsten Publikumsverhältnissen umgehen können sollte. 

Gehen Sie vielleicht einfach mal davon aus, dass Ihr Schüler nicht übt. Nehmen Sie an, dass der Schüler nur im Unterricht das Instrument anfasst. Schauen Sie, ob es irgendeinen Weg gibt, mit ihm auf niedrigstem Niveau zu musizieren. Geben Sie vorsichtshalber jegliches Wollen in Bezug auf Ihren Schüler auf. Überlegen Sie nur, wie Sie ihm das Gefühl geben können, dass alles easy und unterhaltsam und spaßig ist. Machen Sie sich das Geldverdienen so schön und stressfrei wie möglich. Überlegen Sie aber, was Sie diesem uneffektiven Spaßunterricht für ihr eigenes Weiterkommen abgewinnen können und benutzen Sie die minimalen Fähigkeiten des Schülers für Ihre Zwecke. Z.B., dass Sie zum simplen Spiel Ihres Schülers auf höchstem Niveau improvisieren. Machen Sie Musik: David mit Goliath. So müssen Sie nicht warten, dass sich irgendwann was ändert und der Schüler womöglich beginnt, ernsthaft mitzuarbeiten. Ich muss Sie allerdings warnen, dass genau das dann passieren könnte. 

Gitarre spielen lernen oder Gitarre lernen spielen?

Haben es Gitarrenlehrer heutzutage schwerer, Kinder und Jugendliche für das Musikmachen zu begeistern, weil die digitale, virtuelle Erlebniswelt eine ernst zunehmende Konkurrenz geworden ist? Ist der schnelle Spaß am Gerät ein Leistungs- und Motivationskiller für jene Tätigkeiten, die Ausdauer und Fleiß benötigen? Ich persönlich bin nach Abwägung aller Faktoren nicht allzu optimistisch, auch wenn handgemachte Musik im digitalen Zeitalter eine neue Bedeutung erlangt.

Zutat 1:
Ein Gitarrenlehrer-Kollege rief mich vor ein paar Monaten an, und schilderte einen recht plötzlichen und heftigen Einbruch seiner Schülerzahlen, so dass er in existentielle Schwierigkeiten zu geraten droht. Manchmal ist es einfach Zufall, dass viele Schüler zur gleichen Zeit mit dem Gitarrenunterricht oder dem Gitarrespielen insgesamt wieder aufhören wollen. Dennoch beklagte mein Kollege, dass die "Durchhaltezeit" der Gitarrenschüler im Laufe der Jahre seiner Unterrichtstätigkeit seinem Empfinden nach zurückgegangen ist.

Zutat 2:
Ich besuchte auf Wunsch meiner Kinder eine Spielzeugmesse. Dort konnten die neuesten Versionen populärer Computerspiele getestet werden. Keine Ballerspiele sondern "liebe" Spiele. Und es war eine kleine Bühne aufgebaut, auf der man mit Guitar Hero bzw. Band Hero als Rockstar "auftreten" konnte. Ich weiß von dem Spiel seit seiner Markteinführung vor ein paar Jahren, habe mich aber nicht detailliert damit befasst. Bei Guitar Hero geht es wohl zunächst darum, auf einem gitarrenähnlichen Plastikgehäuse vier Knöpfe zum jeweils richtigen Zeitpunkt zu drücken. Im Prinzip geht es darum, zu spielen Gitarrespielen zu können und als Gitarrenstar zu posieren. 

Einfach mal Zusammenmixen

Das eine hat mit dem anderen eigentlich nichts zu tun. Für mich wäre es höchstens plausibel, dass Guitar Hero seine enthusiastischsten Spieler vielleicht sogar dazu bewegen könnte, richtig Gitarre spielen zu lernen und einen Lehrer aufzusuchen. Demgegenüber wäre die Idee an den Haaren herbei gezogen, dass die Schüler meines Kollegen mit dem Unterricht aufhören, weil sie lieber Guitar Hero spielen wollen. 
Trotzdem wundere ich mich ein wenig, wenn da ein Kid auf der Messe-Bühne steht und mit großem Eifer und Fertigkeit die vier Knöpfchen drückt. Ist das ein richtiger Gitarrist oder ist das ein Freak, der stundenlang Guitar Hero gespielt hat? Ich fände einen Gitarristen seltsam, der sich in solche Als-Ob-Welten begibt anstatt ordentlich zu musizieren. Aber wie seltsam ist es erst, wenn jemand richtig übt, um auf so einem Plasteding rumzudrücken? Ich glaube, dass das noch nicht mal Töne macht. 

Fleißig spielen üben

Doch vielleicht braucht es gerade so ein albernes Spielzeuggitarrenspiel, um uns die aktuelle Gesamtsituation bewusst zu machen. Kinder und Jugendliche verbringen heutzutage viele Stunden pro Woche damit, Spiele am Rechner zu spielen - fleißig zu üben, fleißig zu lernen und Erfolge zu haben. Sie nehmen ihre Spielwelt ernst, reden darüber und interessieren sich dafür, wie andere spielen. Spielen heißt Lernen, auch am Rechner. Doch was lernt man? Darüber streiten sich die  Gelehrten. Die einen behaupten beispielsweise, dass heutige Fußballspieler eine bessere Raumorientierung auf dem Spielfeld haben, weil sie mit dem Spiel FIFA 20xx groß geworden sind. Andere behaupten, dass Videospiele schädlich für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind.

Konkurrenzveranstaltung

Am Beispiel von Guitar Hero wird deutlich, dass ein pauschales Urteil der Wirklichkeit nicht gerecht wird. In erster Linie lernt der Spieler dieses Spiel genau so zu spielen, wie es der Entwickler vorsieht. Hier gilt es, Reaktionsschnelligkeit, Fingerkoordination und schließlich auch Rhythmusgefühl zu trainieren. Das ist gut, gerade aus musikpädagogischer Sicht. Guitar Hero könnte durchaus die Einstiegsdroge (im positiven Sinne) eines ambitionierten Gitarristen sein. Wo also ist das Problem?
Das Problem ist, dass die Welt des realen Musiklernens geradezu grau ist im Gegensatz zur bunten Spielwelt am Computer. Guitar Hero ist eine Glückspille mit Suchtpotential, und  vergleichsweise ist die Auseinandersetzung mit der widerspenstigen physikalischen Klangerzeugung auf einer echten Gitarre eine Qual. 
Wenn von diesem Computerspiel eine Motivation für die echte Gitarre geweckt werden sollte, muss sie in Relation zu den Erwartungen gestellt werden, die in der virtuellen Welt entstanden sind. Diese Erwartungen sind äußerst hoch. Das Gitarre-lernen-Spielen ist der Konkurrent des Gitarre-spielen-Lernens. Es macht einfach Laune. 

Die digitale Gitarre von morgen?

Die Motivation eines Guitar Heros ein echter Gitarrist zu werden, könnte durchaus an der als zu hart empfundenen Realität des Gitarrelernens sterben. Obwohl man weiß, dass mit so einer Spielzeuggitarre kein Blumentopf zu gewinnen ist. Doch letzteres könnte ja nur ein konventioneller Gedanke sein. Man nennt ja heute Leute durchaus Musiker, die gar kein Instrument spielen (können), sondern Technotracks am Rechner produzieren. Und es bedarf keiner allzu großen Fantasie sich vorzustellen, dass man so eine Spielzeuggitarre zu einem bühnentauglichen Instrument weiterentwickeln könnte, indem man es z.B. mit einer elektronischen Klangquelle verbindet. Jugendliche lieben unkonventionelles. Und vielleicht ist das ja auch ein Hauch jugendgemäßen Protestes. Die Abgrenzung zum Hippie-Klampfen-Lehrer, der nach wie vor auf akustische und elektroakustische Musik schwört. Andererseits leben wir in Zeiten, in denen auch für die älteren Erwachsenen digitale Musik selbstverständliches Allgemeingut ist. Doch das Ende handgemachter Musik ist nicht abzusehen, im Gegenteil: Die digitale Realität macht das Handwerk erst wieder richtig interessant. Außerdem bin ich der Meinung, dass digitale Musik umso besser ist, je besser das Musikverständnis durch die Beherrschung mindestens eines Instruments ausgeprägt ist.

Eine Frage der Zeit

Aber für die meisten Kinder und Jugendlichen ist entscheidend, was sie in ihrer Freizeit gerne machen, völlig unabhängig von dem Traum ein Musikstar zu werden. Dass ein zunehmender Teil der Aktivitäten aus Zocken und Medienkonsum besteht, ist unzweifelhaft. Irgendwo muss diese Zeit aber herkommen, und vor allem müssen irgendwo auch die Kapazitäten herkommen. Wer 2 Stunden gezockt hat, wird danach weder Lust noch Energie haben, eine halbe Stunde Gitarre zu üben. Und vielleicht hat er auch keine Zeit, denn der Tag hat auch nach der digitalen Revolution nur 24 Stunden. Man muss sich einteilen, wie lang man seine Zeit  mit welcher Tätigkeit verbringt. Die virtuelle Spiel- und Lernwelt tritt mit der realen Spiel- und Lernwelt in unmittelbare Konkurrenz. 

Insofern könnte der Erfolg eines Videospiels durchaus eine Teilerklärung dafür liefern, warum es Gitarrenlehrer irgendwie schwerer haben. Hinsichtlich der Zahl von Schülern, hinsichtlich deren Motivation und hinsichtlich deren Kapazitäten. Man muss sich fragen, ob es die Computerspiele und die digitalen Medien wert sind, dass unsere Kinder einen großen Teil ihrer Lernkapazitäten dafür verwenden und diese von konventionellen Spielen und Freizeitbeschäftigungen wie z.B. dem Musizieren abziehen. Und auch von der regulären Schule. Ist es ok, dass sie sich damit dem Einfluss derer zunehmend entziehen, die ihnen etwas beibringen wollen, das sie aus eigener Erfahrung für wert oder wichtig erachten?   

Eine Gitarrenstunde müsste 25,35 EUR kosten

Wieviel Euro würde eine Gitarrenstunde kosten, wenn der Gitarrenlehrer wie ein durchschnittlicher Vollzeit-Arbeitnehmer bezahlt werden würde? Das lässt sich mit Hilfe ein paar statistischer Daten ausrechnen. Und wen wundert es ? ... natürlich verdienen die Gitarrenlehrer weniger als der Durchschnitt, vergleichsweise soviel wie ein Kellner mit Trinkgeld. 

Kaum eine Frage wird den privaten Gitarrenlehrer brennender interessieren als die Frage, welches Honorar er für seinen Unterricht verlangen kann bzw. soll. Eine ganze Reihe von Faktoren fließen bei der Kalkulation ein. Oft erübrigt sich eine Berechnung und man orientiert sich an den ortsüblichen Sätzen. 
In meiner Gitarrenlehrer-Datenbank haben 1200 private Gitarrenlehrer aus Deutschland (Musik- oder Gitarrenschulen ausgenommen) ihren derzeitigen Stundenpreis für eine Einzelstunde 45min angegeben. Der Preis ist für eine Vergleichbarkeit i.d.R. als 'Jahresgebühr geteilt durch vereinbarte Stundenzahl' zu verstehen. Der anhand der eingetragenen Daten ermittelte Durchschnittspreis für eine 45minütige Einzelunterrichtsstunde beträgt aktuell 21,60 EUR.   
Stundenpreise unter 10 EUR habe ich nicht berücksichtigt, da es sich dabei wohl eher um ein Taschengeld für Hobbygitarristen oder um unseriöse Angaben handelt. Regionale Unterschiede wie z.B. zwischen einer Großstadt wie München und einer Kleinstadt in der ostdeutschen Provinz sind statistisch nicht herausgerechnet. 
Dennoch sieht mir dieses Ergebnis stimmig aus. 

In einer Marktwirtschaft sind Preise letztlich ein Abbild von Angebot und Nachfrage. Das, was ein selbständiger Gitarrenlehrer verdienen will, muss der Schüler zahlen. 
Dennoch werden oft Klagen laut, dass der Beruf des Musikpädagogen (mit Abschluss) gering geschätzt und unterbezahlt ist. Dies war für mich Anlass, eine Rechnung aufzustellen. Was müsste ein Gitarrenlehrer pro 45min Einzelunterrichtstunde verdienen, wenn sich die Bezahlung an einem durchschnittlichen Gehalt orientierte?

Die wenigsten Schüler interessieren sich wirklich für die Qualifikation ihres Lehrers. Das ist für den Diplom-Musik-Pädagogen nicht gerade vorteilhaft, aber auch nicht zu ändern. Ich behaupte aber, dass ein Hochschulabschluss und damit ein staatlich anerkannter Beruf den Diplom-Musik-Pädagogen in den Stand erhebt, für seine Arbeit und seine Qualifikation ein durchschnittliches Gehalt erwarten zu dürfen. So wie es beispielsweise ein nicht studierter Facharbeiter erhält. Diese Annahme ist Grundvoraussetzung für meine Rechnung.  
Für das Durchschnittseinkommen (brutto) in Deutschland wird es variable Angaben geben. Ohne lange zu suchen, schenke ich einem FOCUS-Artikel aus dem Jahre 2017 Glauben und entnehme den Satz: "Das deutsche Durchschnittsgehalt für Vollzeitbeschäftigte liegt bei knapp über 3000 Euro."

Ist ein Gitarrenlehrer vollzeitbeschäftigt? Ich denke, die allermeisten eher nicht. Entweder weil sie nebenbei auch praktizierende Musiker sind oder weil sie mit einem Teilzeitjob auskommen. Aber wenn wir Vergleiche schaffen wollen, dann müssen wir den Job "Gitarrenlehrer" auf eine Vollzeitstelle hochrechnen. Ohne Quellenangabe behaupte ich, dass eine Vollzeitstelle 40 Arbeitsstunden pro Woche umfasst. Ein Lehrer, egal ob vor einer Klasse oder einem einzelnen Schüler, muss und kann aber nicht 40 Stunden in der Woche unterrichten. 
Widersprechen Sie mir bitte, aber ich halte eine maximale Unterrichtstätigkeit von 5 Uhrzeitstunden  am Werktag, so etwa 14 - 19 Uhr ohne Pause für hart, aber annehmbar. Das ist zwar mehr als ein Lehrer an einer Schule unterrichtet aber eben vorwiegend Einzelunterricht. Wir merken uns 5 Stunden pro Tag, rechnen aber weiter.

Jeder Arbeitnehmer hat Urlaub, auch unser gedachter Vollzeit-Lehrer. Hier nehme ich die Zeitung Die Welt beim Wort und zitiere: "Im Durchschnitt beträgt der Urlaubsanspruch in Deutschland knapp 27 Tage." Problematisch beim Vergleich mit normalen Vollzeitarbeitern sind bei Lehrern die Schulferien. So man diese beim Gitarrenlehrer als Urlaub bezeichnen möchte, liegt die Zahl seiner Urlaubstage deutlich höher. Um Gleichheit zu schaffen, müssen also die Schulferien auf die durchschnittliche Urlaubszeit schrumpfen. Das  Jahr hat im Schnitt 250 reguläre Arbeitstage. Nach Urlaub verbleiben also 223 Unterrichtstage für den Gitarrenlehrer.   

Ein kleines Problem: Unser Vollzeit-Gitarrenlehrer dürfte wie jeder Vollzeitarbeiter auch mal bezahlt krank sein. Ein selbstständiger Gitarrenlehrer allerdings, auf den diese gesamte Rechnung am Ende hinzielen soll, verdient bei Krankheit kein Geld. Wir müssten demnach die durchschnittlichen Krankheitstage im Jahr noch von den Arbeitstagen abziehen. Das statistische Bundesamt sagt: "... Arbeitnehmer 2015 zehn Tage krank gemeldet". Also stehen am Ende 213 Tage Unterricht .

Die Arbeitstage müssen nun mit der Unterrichtszeit pro Tag multipliziert werden, um die Jahresarbeitszeit zu errechnen. Das wären: 213 x 5 = 1065 Jahresarbeitsstunden.

Wenn nunmehr das Jahresgehalt (3000 EUR x 12 = 36000) durch die Anzahl der Jahresarbeitsstunden  (1065) geteilt wird, erhalten wir einen Brutto-(Uhrzeit-)Stundensatz. Und dieser liegt bei  33,80 EUR. Umgerechnet auf eine Unterrichtseinheit von 45min wäre das ein Brutto-Honorar von 25,35 EUR.

Ergebnis: Wenn ein Gitarrenlehrer mit einem durchschnittlichen Stundensatz bezahlt werden würde, dann müsste er 25,35 EUR bekommen. 

Einschränkend kommt hinzu, dass diese Zahl nach Abzug aller Ausgaben im Zusammenahng mit dem Unterricht zu sehen ist, z.B. Miete eines Raumes oder Kosten für Inventar/Material/Organisation usw..

Wenn Sie ein anderes Durchschnittseinkommen zugrunde legen möchten, hier ein paar andere Ergebnisse:

30000 EUR pro Jahr =  21,13 EUR pro 45min
40000 EUR pro Jahr =  28,17 EUR pro 45min
45000 EUR pro Jahr = 31,69 EUR pro 45min
50000 EUR pro Jahr = 35,21 EUR pro 45min
55000 EUR pro Jahr = 38,73 EUR pro 45min

Schlussbetrachtung:
Wir liegen - wie eigentlich zu erwarten war - bei einem errechneten Preis, der deutlich höher als der tatsächlich verlangte ist. Auch weil in dem aktuell gemessenen Durchschnittspreis (s.o.) etwaige Kosten für Mieten/Ausgaben enthalten sind.

Wenn wir zum Schluss noch einmal zurückrechnen, und den Durchschnittslohn laut Datenbank auf ein Jahresgehalt hochrechnen, dann können wir mit Hilfe der Seite absolventa den Beruf des Gitarrenlehrers einkommenstechnisch verorten. Und was sehen wir da?
Nur im Schlusslicht - Industriebereich Gastgewerbe - verdient man (ohne Trinkgeld) weniger als ein Gitarrenlehrer. Der Bereich "Erbringung sonstiger Dienstleistungen" liegt etwas drüber, aber wäre in etwa der, wo man sich einordnen müsste. Wer in "Erziehung und Unterrricht" nicht gerade als Musiklehrer arbeitet, verdient 1,5 mal mehr als ein Gitarrenlehrer. Und wer meint, dass man als Gitarrenlehrer evtl. mit der "Erbringung von freiberuflichen ... Dienstleistungen" dient, der müsste ca. 40 EUR pro 45min Einzelunterricht verlangen.
Im Bereich "Studiengänge" geht es übrigens erst bei 40000 EUR los. Mit anderen Worten: der ärmste Akademiker verdient ca. 40% mehr als ein studierter Gitarrenlehrer auf dem freien Markt.

So, und zum Schluss sei noch bemerkt, dass es Gitarrenlehrern bestimmt noch ganz gut im Vergleich zu Geigen- oder Trompetenlehrern geht. Denn bei uns ist ja wenigstens die Nachfrage da.  



In Memoriam - Detlef Hasselemeyer

Vor ein paar Wochen erreichte mich die Nachricht vom Tode des Dresdner Gitarristen, Pädagogen und Autors  Detlef Hasselmeyer. Er war über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt und dürfte auch den Netzaktivisten im Bereich Gitarre ein Begriff sein. Wir verlieren nicht nur einen aktiven Mitstreiter sondern leider auch seine sehr informative Website. Ich möchte anhand seiner "Beiträge zum Wechselschlag ..." an ihn, an seine Ideen und - wenn man so will - an sein Lebenswerk erinnern.

Das erste Mal begegnete ich Detlef Hasselmeyer im Rahmen eines Workshops während meines Studiums an der Dresdner Musikhochschule Mitte der neunziger Jahre. Er - sozusagen in der Weiterbildung, ich in der Ausbildung. Sein frischer, neugieriger und findiger Geist ist in meiner Erinnerung haften geblieben. 
Das zweite mal dann, mehr als zehn Jahre später, nahm er aufgrund meiner Veröffentlichungen im Internet Kontakt zu mir auf. Digital und geografisch waren wir Nachbarn. Wir trafen uns und loteten Möglichkeiten einer Zusammenarbeit aus, in deren Folge die Website gitarrennoten-online.de entstand. Dort sind hauptsächlich von ihm editierte Gitarrennoten zu finden. Er verfügte über einen riesigen Fundus an Unterrichtsmaterial, das er - immer auf der Höhe der Zeit - sorgsam digitalisierte. und in Datenbanken mit Werken anderer Autoren verwaltete. 
Detlef Hasselmeyer war ein klassischer Gitarrist, und ein Gitarrenlehrer, der klassische Gitarre unterrichtete. Seine Untersuchungen zu spieltechnischen, methodischen und didaktischen Problemen sind demnach auch auf die klassische Konzertgitarre ausgerichtet. Meiner kleinen Recherche zufolge sind der Nachwelt leider nur noch wenige seiner Beiträge öffentlich zugänglich. Seine Websites sind abgemeldet, aber ich fand neunzehn seiner Publikationen hier bei  yumpu.com . 
Die "Beiträge zum Wechselschlag" Teil 1, Teil 2 und Teil 3 sind nur ein Bruchteil dessen, was Hasselmeyer ausgearbeitet und publiziert hat, aber ich möchte sie stellvertretend für all seine Ideen und stellvertretend für sein gesamtes Schaffen und seine Vortragstätigkeit an dieser Stelle noch einmal beleuchten. 

Hasselmeyer war von der Suche nach dem Weg zu spielerischen Höchstleistungen getrieben - zu seinen eigenen, aber selbstverständlich auch zu denen seiner Schüler. Höchstleistungen und Geschwindigkeit haben etwas miteinander zu tun. Man kann darüber debattieren und philosophieren - aber irgendwie steht doch fest: Das schnelle virtuose Melodiespiel ist allgemein ein Gradmesser für die Beherrschung eines Instrumentes, nicht nur bei der Gitarre.
Ein Musiker, sein Instrument und seine Musik stehen in einem zeitlichen Kontext. Ich würde behaupten wollen, dass es Zeiten gibt, in denen sich Menschen mehr oder weniger für ein spezielles Instrument oder einen Stil und mehr oder weniger für eine Art von Virtuosität interessieren. Hasselmeyer interessierte sich für den schnellen Wechselanschlag (m-i oder a-m-i). Spätestens seit "Friday Night in San Francisco" wird das den Zeitgenossen mit Fokus auf Konzertgitarre nicht anders ergangen sein. Warum kann Paco de Lucia mit Fingern genauso schnell spielen wie John McLaughlin mit Plektrum?  Warum können das nur relativ wenige Gitarristen? Fleiß?  Begabung?  Magie?
Hasselmeyer analysiert Quellen, befragt Experten, probiert in der Praxis aus, rechnet und programmiert. Und ich denke, dass er die Lösung gefunden hat: Die maximale Frequenz, mit der man einen Finger immer wieder zum Anschlag bringen kann, ist physiologisch bei jedem Menschen mit ein wenig Übung und Lockerheit in etwa gleich festgelegt. Die Vervielfachung dieser Geschwindigkeit unter Hinzunahme weiterer Finger kann nur erreicht werden, wenn die Rückbewegungen synchronisiert werden. Rückbewegungen können nur dann synchron erlernt werden, wenn sie auch klingen, was uns zu Techniken wie Dedillo bzw. Rasguedo führt.  
Anders formuliert: Wer Rasguedo in beide Richtungen mit i und m übt, tut etwas für seinen Wechselschlag. Und obwohl es wie eine Binsenweisheit klingt, ist die wichtigste Feststellung Hasselmeyers in diesem Zusammenhang, dass kleinste, nicht feststellbare aber sehr wohl automatisierte Ungenauigkeiten im langsamen Tempo die Ursache für die Probleme im schnellen Tempo sind. 
Seine Kritik richtet sich an den Lehrer, der die Schüler auf einen problematischen Weg schickt, mit dem Argument, dass er ihn selbst so gegangen ist. Er fordert den Lehrer auf, genauso lernfähig zu sein wie er es von den Schülern verlangt. Er erkennt dabei die Schwerkraft des Eingeübten - der bereits existierenden Programme - wie er es nennt. 
Hasselmeyer ist keiner, der leichtfertig Thesen aufstellte. Er stellte sich nicht als Missionar dar und er hat nicht den Nimbus des Gitarrengotts, dem die Leute alles glauben. Er hat über viele Jahre hinweg akribisch gearbeitet, ganz konkrete Fragestellungen verfolgt und ganz konkrete Antworten zutage gefördert. Ich vermute aber, dass sich die Verbreitung seiner Theorien und Ideen in Grenzen hält, jetzt erst recht, wo sie dem breiten Publikum nicht mehr zugänglich sind. Er schreibt mir in einer Email im Jahre 2008: "Nur wen interessiert das eigentlich noch? Ich habe viele Kurse durchgeführt und die Erfahrung gemacht, dass Lehrer wenig Interesse haben, ihre eigene Arbeitsweise zu ändern."
Abgesehen davon wird dem jüngeren Publikum bei der Sichtung des Gesamtwerks Hasselmeyers wohl klar, dass man in der Praxis mit rein klassischem Gitarrenspiel und einem von Volkslieder und Klassik dominierten Lehrrepertoire Schüler mit der besten Methodik nicht mehr erreicht. Dort gilt es anzusetzen und die Erkenntnisse Hasselmeyers direkt für die Modernisierung des Akustik-Gitarren-Unterrichtes zu nutzen. Moderne Begleittechniken mit Fingern sind populär - ideal für Dedillo.: Wechselschlag im Melodiespiel nach hinten schieben; Timing sofort am Anfang fokussieren; langsames stressfreies Üben fördern; raffinierte Methoden ersinnen - das ist meiner Meinung nach moderner Unterricht. Aber - und das muss ich betonen und werde es auch noch in anderen Blogeinträgen vertiefen: Es geht um Musik und um Emotion, um Spaß an der Sache oder gar um Leidenschaft - Methodik und Didaktik laufen ins Leere, wenn der Schüler emotional nicht berührt wird. Zeitgemäß zu bleiben ist auch eine Form von Lernen bei Lehrern.

„Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.“ sagt Robert Lembke. Ich hoffe, dass etwas bleibt bzw. im Netz wieder auftaucht von dem, was uns Hasselmeyer hinterlassen hat.  
Ich verneige mich vor einem Menschen, den ich sehr schätze für seine Leistungen und seine Art zu denken und zu arbeiten und an den ich auch immer wieder denken werde, beim Lehren, beim Üben und wenn ich mal in Dresden in der Ecke bin, wo er lebte. 
  






Musiker, kauft Eure Instrumente nicht im Internet! - Teil 2

Was ist besser: Musikinstrumente online kaufen oder im Laden? Ich habe eine klare Meinung, nachdem ich mir mal überlegt habe, wie blind wir gegenüber den Vorteilen des Ladenkaufs und den Nachteilen des Onlinekaufs sind. Eine ganz einfache Rechnung unter Einbeziehung aller Faktoren kommt zu einem klaren Schluss: Musiker sollten in einen Laden gehen anstatt ihre zeit im netz zu verdatteln.

Wir erinnern uns: Es ging im vorherigen Blogeintrag um das Interesse einer Freundin am Kauf eines E-Pianos. Dem Zeitgeist entsprechend macht man das ja heute online und versucht sich vorher auf vielen Kanälen sachkundig zu machen. Unter anderem bei mir, weil ich ja was mit Musik zu tun habe. Aber ich halte nichts davon, dass Musiker ihre Instrumente im Internet kaufen: Ich habe ein gedanklichen Test konstruiert, der objektive Vergleichsbedingungen im Aufwand-Nutzen-Verhältnis zwischen Ladenkauf und Onlinekauf schaffen soll.

Test 1 - das Geschäft:
Gehe in den Laden, lass Dich beraten, teste die 10 E-Pianos an. Notiere aufgewendete Zeit und ausgegebenes Geld.

Test 2  - der Onlineshop:
Bestelle 10 E-Pianos im größten Onlineshop Europas. Packe sie aus, baue sie auf, teste sie. Schicke sie alle 10 wieder zurück. Notiere aufgewendete Zeit und ausgegebenes Geld.

Test 1 ist in paar Stunden erledigt, kostet paar Euro Fahrkarte oder Sprit. Außerhalb von Großstädten etwas mehr ... ok.

Problematisch wird es mit Test 2. Es sind erst einmal ein paar Tausend Euro Kapital nötig, wenn man sich 10 E-Pianos bestellt, denn bezahlt wird im Onlinehandel bekanntlich vorher. Eventuell schrillen ja im System des Onlinehändlers die Alarmglocken, wenn ein Kunde 10 E-Pianos für insgesamt mehrere tausend Euro ordert. Vielleicht ruft ja ein Mitarbeiter testhalber an. Oder die Lieferung kommt mit der Spedition. Was für ein außergewöhnlicher Verkaufsvorgang in der Welt des Onlineshopping. Im Ladengeschäft ist es ein Klacks, denn man muss das E-Piano nicht vorher kaufen, wenn man es nur mal anspielen will.

Aber gut, wir nehmen jetzt mal an, dass es bei der Menge an täglichen Lieferungen im größten Versandhaus nicht auffällt, wenn jemand 10 E-Pianos ordert.
Nachdem der Postbote sein Fahrzeug leergeräumt hat und 10 Pakete á 20 Kilo die Treppe hinauf trug, wir 10 Pakete geöffnet haben, 10 Kartons in den Keller schafften, 10 E-Pianos aufbauten - alles mit großer Sorgfalt, denn wir wollen ja nur testen - nachdem also mindestens 3 Stunden rum sind, geht es ans gemütliche Anspielen ...
Ja, und vielleicht konnten wir uns für eines der 10 E-Pianos entscheiden. Dann käme jetzt der schwerste Teil von Test 2: die Rücksendung der anderen 9 Pakete. Abbauen, Einpacken, Transport zum Postamt. Ob mit oder ohne Rücksendeschein - es gehen wieder ein paar Stunden drauf und dann noch etwas besonders aufregendes: das Warten auf die Rücküberweisung unseres Geldes :-)
Was sagt denn da der gütige Versandhändler oder das "kundenfreundlichste Unternehmen der Welt", wenn die Gewinnmarge des gekauften E-Pianos von Hin- und Rücktransportkosten der 9 anderen E-Pianos mehr als aufgefressen wird? Droht uns nun vielleicht eine Käuferkontosperre? Oder kann man uns eine "Verschlechterung" der Ware nachweisen?

Kann sein, dass wir am Ende ohne Minus oder Schadenersatzklage aus diesem ganz normalen Vorgang herauskommen. Aber wenn auch nur ein Bruchteil der Musiker auf die Idee käme, es mal so zu machen, kämen die Onlineshops schnell in Existenznot.
Halten wir doch mal ehrlich fest: Der Fernhandel mit Musikinstrumenten ist der Handel mit Katzen im Sack. Kaufen auf gut Glück - kaufen, was andere für richtig halten - kaufen, was alle kaufen - und dann gefälligst zufrieden sein. Die Bequemlichkeit, für ein neues Musikinstrument keinen Fuß vor die Tür setzen zu müssen, ist die gleiche Bequemlichkeit, die dazu führt, dass man das gewählte und gelieferte Instrument behält. Und dann muss man sich das ganze nur noch schönreden - z.B. damit, dass man irgendwas gespart hätte.

Für eine aufwendige, stunden- und tagelange Internetrecherche und für die digitale Rücksprache mit echten und selbsternannten Spezialisten sind sich viele Zeitgenossen heutzutage nicht zu schade. Wohl aber dazu, ein paar Stunden der wertvollen Zeit dazu zu verwenden, ganz konventionell in einen Laden zu gehen und einem Fachverkäufer zu vertrauen.
Hebt da wieder einer den moralischen Zeigefinger und will die gute alte Zeit zurück?

Nee ... ich habe nur mal eine blanke Kosten-Nutzen-Rechnung angefertigt. Was muss man an Zeit und Geld aufwenden und was kriegt man dafür? Wenn man einen neuen Satz seiner Lieblingssaiten braucht, mag es von Vorteil sein, sie online zu bestellen. Aber ein Musiker kauft doch nicht sein Instrument aus der Ferne - tut mir leid, das ist einfach nur Quatsch.

Gespart hat man unter dem Strich meist nichts: weder Zeit, noch Geld, noch Nerven. Der faule Kompromiss mit dem angeblich so günstigen Internetkauf wird am Ende meist erst so richtig teuer, wenn man nach ziemlich kurzer Zeit wieder unsicher wird, ob denn ein anderes Instrument nicht besser wäre. Und dann denkt man über die Anschaffung eines neuen, besseren Instruments nach. Selbstverständlich wieder online - denn man ist ja nicht blöd ...  ;-)



Musiker, kauft Eure Instrumente nicht im Internet! - Teil 1

Werden auch Sie manchmal von Schülern gefragt, zum Kauf welcher Gitarre aus welchem Onlineshop Sie raten würden?  Hören Sie solche Sätze wie "Diese Gitarre hat sehr gute Bewertungen." oder "Die Klangbeispiele hören sich sehr gut an." ? 
Es sei vorangestellt, dass ich selber Gitarrensets in Verbindung mit meiner Lernsoftware für Gitarre online verkauft habe und sich mein Text nicht mit Onlinehandel generell befasst. Es geht nur um die Frage, ob ein Musiker (= kein Anfänger mehr) Instrumente (= kein Zubehör) im Internet kaufen sollte. Die  Antwort steht ja schon in der Überschrift. 

Neulich fragte mich eine Freundin, ob ich ihr behilflich sein könnte: Sie spielt Klavier und möchte sich gern ein E-Piano kaufen. Sie weiß nicht, worauf sie beim Kauf achten muss und will keinen Fehlkauf machen. So ein Digitalpiano ist nicht ganz billig und das Angebot ist wie bei vielen anderen Musikinstrumenten groß und unübersichtlich. Sie hat seit einiger Zeit auf diese Anschaffung hingespart. Mit anderen Worten: Sie ist durchaus "preisbewusst". Und deswegen ging sie wohl auch wie selbstverständlich davon aus, dass sie ihr neues Instrument im Internet bestellen wird. 
Eigentlich habe ich mit Klavieren und Digitalpianos nicht wirklich was am Hut - mein Spezialgebiet ist die Gitarre. Da erhalte ich viele Anfragen, wie z.B.: Ich bin Anfänger, welche Gitarre soll ich mir kaufen? Ist die Gitarre X vom Hersteller Y gut? Wie teuer sollte eine gute Gitarre sein? ... und,und,und. 
Oft muss ich passen, denn ich bin kein Musikinstrumentenhändler. Ein Verkäufer in einem Fachgeschäft könnte die Fragen sehr gut beantworten. Aber im Internetzeitalter betritt man immer seltener einen Laden, denn:
1. Es ist doch viel bequemer, wenn man sich die Ware ins Haus kommen lässt.
2. Es ist im Musikladen ja viel teurer als im Internet.
3. Man hat ja in den großen Onlineshops eine viel größere Auswahl ... und ...
4. Es gibt doch kaum noch richtige Musikgeschäfte.

Vier gängige Argumente, die einer genauen Betrachtung aber kaum standhalten.

Bleiben wir beim E-Piano-Kauf. Den einzigen sinnvollen und gut gemeinten Rat, den ich der Freundin  gegeben habe, war: Gehe in einen Musikladen, probiere die Instrumente aus, und entscheide Dich für das, das Dir auf Anhieb gefällt! "Ist das nicht zu teuer? Da habe ich ja nur eine kleine Auswahl. Wo gibt es denn hier überhaupt einen Laden?" - so ihre Bedenken.

Ja richtig. Musikläden sind aus den Zentren großer Städte verschwunden, und aus den kleinen Städten komplett. Denn schon vor dem Internetzeitalter kam ein bekannter fränkischer Kaufmann auf die Idee, die immer klammen Musiker mit den immer besten Preisen per Fernhandel zu bedienen. Seinem Erfolg kam nicht etwa das Nichtvorhandensein von Musikläden zugute, sondern im Gegenteil - ohne die Läden hätte das nicht funktioniert. Das gängige Muster war (oder ist sogar noch): Im Laden ausprobieren und bei "...mann" billig und versandkostenfrei bestellen. An die Loyalität ihrer Kunden zu appellieren, nutzte den Musikgeschäften wenig. Wer überleben wollte, brauchte viel Verkaufsfläche, guten Service und Kundenbindung und natürlich exakt die gleichen Preise wie der deutsche Musikriese. 
Hauptsächlich deswegen gibt es in "Hinterposemuckel" im Umkreis von 50 Kilometern kein Musikgeschäft mehr. Und die großen Läden in den Gewerbegebieten der Peripherien sind der Laienkundschaft ziemlich unbekannt.

Ich empfahl also den hier in der Stadt ansässigen Musikhändler, gelegen in einer alten Werkhalle am Rande der Stadt. Dort stehen mindestens 10 E-Pianos zum Ausprobieren und Mitnehmen bereit, und wenn man möchte, kann man sich das Instrument seiner Wahl auch im dazugehörigen Onlineshop zum gleichen Preis nach Hause bestellen. OK, zehn E-Pianos - das ist nicht viel, könnte man meinen, angesichts von vielleicht 100 E-Pianos im Shop des mittlerweile größten Musikhändler Europas oder gar noch mehr beim größten Onlinehändler der Welt. Mit diesem schier unüberschaubaren Angebot werben die Riesen, aber genau das ist letztlich ein Problem. 
Da ist ein ratloser Kunde, aber kein Verkäufer, der erklärt und berät. Stattdessen ein System der Bewertungen und der Feedbacks. Selbst wenn es da immer mit rechten Dingen zugehen würde - Instrumente sind eine individuelle Angelegenheit und in den Preisbereichen, wo Qualität eine Selbstverständlichkeit ist, nützt es dem Kunden nichts mehr, wenn ein anderer Kunde das Instrument gut findet. Er muss es selbst gut finden und dazu muss er es selbst in der Hand gehabt haben. Soundbeispiele, 3D-Ansichten, Videos und Testberichte usw. ersetzen diese Erfahrung nicht. Ich sage: Kaufe nichts, was Du nicht in der Hand hattest! Auch nicht probeweise.
Denn die Giganten des Internethandels verweisen gern auf das kostenlose Rückgaberecht - bis zu 30 Tagen. Aber in vielen Aspekten ist ein Verkaufsvorgang, der auf massenhaftem Hin- und Herschicken von Waren beruht unsinnig: ökonomisch, ökologisch, zeitlich, qualitativ. 
Ein Gitarrist mit Spielerfahrung braucht 30 Sekunden, um zu wissen, ob ein Instrument für ihn in Frage kommt oder nicht, wenn er es in der Hand hält - nicht 30 Tage. Und in 30 Minuten könnte er in einem Laden gut und gerne 30 Gitarren testen.

Im nächsten Blogeintrag werde ich ein gedankliches Experiment durchführen, das am Beispiel des E-Piano-Kaufs versucht, beide Kaufvorgänge (Musikladen vs. Onlineshop) hinsichtlich des Aufwand-Nutzen-Verhältnisses zu vergleichen.

Warum Akkordeschrammeln pädagogisch wertvoll ist ... Teil 2

Schätzungsweise 99% aller Gitarrenklänge, die wir im Musikalltag hören und sehen, sind mehrstimmige Akkordanschläge. Fast alle Autodidakten versuchen instinktiv als erstes ein paar Akkordwechsel hinzubekommen. Aber der herkömmliche professionelle Anfangsunterricht negiert das. Die Argumente dafür mögen plausibel sein, aber es lassen sich mindestens genauso viele Gegenargumente finden. Und in der Praxis zahlt sich eine Orientierung auf dem Akkordspiel aus. Mehr Sicherheit, mehr Erfolg, mehr Spaß, weniger Abbruch.

Was spricht für die Rhythmusgitarre als Einstiegsthema in der Gitarrenausbildung?

Punkt 1: Rhythmus ist nicht erst in der populären Musik das A und O. Wir haben eine begrenzte Anzahl von Tönen, aber eine unbegrenzte Anzahl von Rhythmen. Wenn ich einem Schüler eine Skala aufschreibe, spielt er deswegen noch lange kein gutes Solo, selbst wenn er die zur Harmonie passenden Töne genau trifft. Das Solo klingt erst dann gut, wenn der Schüler abwechslungsreiche Rhythmen findet. Die guten Improvisateure sind in erster Linie gute Rhythmiker, die blitzschnell interessante und schlüssige Rhythmen generieren können.

Punkt 2: Harmonien. Landläufig gilt die Melodie als das zentrale Glied der Musik. Dem ist aber nicht so, denn die Tonskalen leiten sich aus den Gesetzen des Zusammenklangs ab. Die Melodie ergibt sich aus den jeweils am deutlichsten klingenden Tönen von Harmonien.
Ein Beispiel: Die Schüler kommen reihenweise durcheinander, wenn sie eine Melodie geübt haben, aber deren harmonischen Zusammenhang nicht kannten. Das ist so, weil sie einer Melodie innerlich automatisch einen harmonischen Kontext zuordnen, der dann meist nicht mit der konfrontierten Harmonik übereinstimmt.

Meine Behauptung: Durch das Spielen von Harmonien wird der musikalische Sinn effektiver geschärft als durch das Melodiespiel. Demzufolge ist das Aneinanderreihen von Akkordgriffen keine populäre Trivialität von Autodidakten. Es ist eine geniale Therapie für alle musikalischen Schwächen.

Und gleichzeitig ist das "Klampfen" eine Art der Versicherung, dass es im weiteren Verlauf der Ausbildung nicht zu einem totalen Zusammenbruch kommt, nach dem dann gar nichts mehr übrigbleibt ( nach dem Motto: "Ich hatte mal als Kind 5 Jahre Gitarrenunterricht, kann aber nicht einmal ein einfaches Volkslied begleiten.").

Warum aber fangen die seriösen Gitarrenschulen nicht mit Akkordspiel an? Was hält die ehrwürdigen Gitarrenpädagogen von dieser Methode ab?

Das erste große Problem sind die Noten - sozusagen die heilige Kuh aller gestandenen Musiker. Ein durchgeschlagener Akkord würde die Notation von durchschnittlich 5 Noten übereinander erfordern. Das geht am Anfang didaktisch beim besten Willen nicht. Gemäß dem Leitspruch - Zuerst die Noten, dann die Musik – quält sich der Schüler durch Hilfslinien und Vorzeichen, bis er nach ein paar Jahren endlich einen Akkord lesen darf.
Fraglos ist eine Notation der Musik im Unterricht unerlässlich. Doch warum muss es unbedingt das herkömmliche Notensystem sein? Die rhythmische Notation mit Akkordsymbolen reicht ja erst einmal zu. Das Problem bei der Umwandlung von Noten in Musik liegt eh meist bei der zeitlichen Komponente, sprich Rhythmus. Für die Entwicklung eines brauchbaren Notenspiels ist es günstiger, wenn sich der Schüler am Anfang vornehmlich auf den Rhythmus konzentrieren kann.

In der herkömmlichen didaktischen Denkweise wird das gleichzeitige Umgreifen von mehreren Fingern für den Anfang verworfen: Es ist theoretisch schwieriger als das Melodiespiel, bei dem ja meist nur jeweils ein Finger für den nächsten Klang bewegt werden muss.
Richtig. Die motorische Leistung bei einem Akkordwechsel ist größer als beim einstimmigen Spiel. Ein Akkordwechsel benötigt mehr Zeit als ein Tonwechsel. Da diese Zeit vom jeweils letzten Notenwert stillschweigend abgezogen werden muss, ergeben sich schnell Timingprobleme.
Deswegen ist eine bestimmte Reihenfolge beim Erlernen der Akkorde und Wechsel nötig. Ich habe sie in meinem Lehrprogramm wohl bedacht. Und es funktioniert besser, als man glaubt. Auch schon bei Kindern.
Allerdings darf man nicht vergessen, dass beim Melodiespiel viel öfter umgegriffen werden muss als beim Akkordspiel. Auf den Gesamtablauf eines Stückes gesehen, ist das Melodiespiel damit in Summe anstrengender.

Nächstes Argument der "Melodiker": Rhythmusspiel ist monoton, erst recht wenn es keine Melodie dazu gibt.
OK, dafür könnte ja die moderne Unterhaltungselektronik herhalten. Smartphone, Computer, CD-Player, Loopstation. All diese Möglichkeiten sollte man nutzen. Dem Schüler wird von Anfang an die musikalische Situation simuliert.
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Das Mitsingen zur Gitarre ist zumindest bei komplexeren Rhythmen schwierig, das muss man zugeben. Aber das kann bzw. muss im Unterricht der Gitarrenlehrer übernehmen. Das darf dem Gitarrenlehrer nicht peinlich sein.  ;-)

Desweiteren geht es um das Beharren auf dem klassischen Fingeranschlag im Anfangsunterricht. Dazu folgendes: Wenn man auf der Straße Gitarrenunkundige auffordern würde, das Gitarrespielen pantomimisch darzustellen, würden wohl alle als Anschlagsform der rechten Hand eine Pendelbewegung wie beim Plektrumanschlag verwenden. Ist es dann nicht ein wenig paradox, wenn die Anfänger im Anfangsunterricht mit einer völlig anderen Spielweise konfrontiert werden?

Deswegen schlägt man bei mir fürs erste mit Plektrum an. Die klassische Fingerhaltung kann der Schüler dann lernen, wenn er sich dafür interesssiert.
Nebenbei bemerkt: Es kommen auch Leute zu mir, die ganz konkret die klassische Gitarrentechnik erlernen wollen. Oft haben sie sich mit dem Akkordspiel I. Lage schon beschäftigt und wollen mehr. Allerdings wechseln diejenigen, die sich die Konzertgitarre leichter vorgestellt haben, später auch gerne wieder zur "Klampfe" zurück.

Mir fällt kein Zacken mehr aus der "Gitarristenkrone", wenn ich mit den Schülern gemeinsam Reinhard Mey und Nena singe. Es klingt am Ende auch besser als die Pflichtklassik. Die Schüler lernen mehr, auch wenn es nicht in Noten, Tonleitern und Schwierigkeitsstufen messbar ist. Für die Wirkung von Musik ist es enorm wichtig, dass der Macher nicht überanstrengt wird. Musik muss locker sein. Das Erlebnis dieser Leichtigkeit ist beim konservativen Ansatz wesentlich unwahrscheinlicher. 
Ich bewerte Musik vor allem danach, ob sich eine gewisse Energie vom Spieler auf den Zuhörer überträgt. Wenn die ganze Energie in Konzentration und Versagensangst über ein künstlerisch anspruchsvolles Stück gesteckt wird, bleibt am Ende nichts übrig, was den Zuhörer erreichen könnte. Haben wir damit der Kunst am Ende gedient?
Nein, im Gegenteil.

Das Akkordeschrammeln ist aus methodischer und didaktischer Sicht gesehen weitaus besser als sein Ruf in den Lehrerkreisen. Gitarrenunterricht muss auf die aktuelle Realität des Instrumentes Rücksicht nehmen, um nicht ins Leere zu laufen. Die Realität besagt, dass die Gitarre als Rhythmus- und Harmonieinstrument verwendet wird. Darauf sollte moderner Gitarrenunterricht eingehen. Am besten gleich am Anfang, denn die Erwartungen der Schüler an Spielweise und Klang werden durch die alltägliche Hörerfahrung vorgeprägt. Das habe ich bereits 6- bis 8-jährigen festgestellt. Eine Enttäuschung dieser Erfahrung kann schwerwiegende Probleme mit sich bringen, was letztlich zum pädagogischen Misserfolg, sprich Abbruch, führt.