Unglaublich "guter" Musikunterricht an Schulen

In Sachsen wird über die Kürzung des Musikunterrichtes an Schulen diskutiert. Ich bin dafür, die Stundenanzahl beizubehalten, aber den Lehrplan zu kürzen. Der Musikunterricht steht vermutlich exemplarisch für ein Schein-Niveau der Schülerleistung, speziell in der höheren Bildung. 

Durch meine Gitarrenschüler und auch durch meine Kinder komme ich mit dem Schulunterricht im Fach Musik in Berührung. Drei bemerkenswerte Dinge fallen mir in den Schilderungen auf. 
1. Es findet wenig oder schlimmstenfalls gar kein Musikunterricht statt weil Lehrer fehlen. 
2. Es wird wenig und in höheren Klassen gar nicht mehr gesungen. Wenn gesungen wird, dann Lieder, von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie wirklich gemeinsam gesungen werden können. 
3. An Gymnasien scheinen manche Musiklehrer extrem ambitioniert zu sein, denn sie haben Lehrplaninhalte, bei denen ich als Musikpädagoge mit Lehrpraxis aufhorche.

Zu 1.: Lehrermangel ist in Sachsen ein generelles Thema, das ich hier nicht erörtere.

Zu 2.: An anderer Stelle habe ich darauf hingewiesen, wie wichtig ich das (gemeinsame) Singen finde zur Ausbildung grundmusikalischer Fähigkeiten wie Rhythmusgefühl, Tongedächtnis und Gehör. Das Grundproblem ist relativ schnell umrissen. Durchgängig gut singbare Lieder mit halbwegs zeitgenössischem Bezug sind Mangelware.  Popsongs der letzten 30 Jahre sind oft mit rezitativen Gesangsparts und schwieriger Rhythmik durchzogen, so dass ein annehmbares gemeinschaftliches musikalisches Erlebnis am Ende ausbleibt. Bei choralen Volksliedern stört der Text. Oldies haben nun auch schon 50 Jahre und mehr auf dem Buckel. Diejenigen, die deren Geist glaubhaft vermitteln können, gehen bald in Rente.

Doch um dieses Thema geht es mir nur am Rande. Es wird heutzutage deutlich weniger gesungen als vor hundert Jahren. Für diese Erkenntnis braucht es keine Studien. Die Folgen sind unter anderem ein sinkendes Einstiegsniveau im Instrumentalunterricht. Das bekomme ich mit und das bestätigen mir meine Kollegen. Umso erstaunlicher ist es aber, dass die praktischen  Inhalte des Musikunterrichtes an Schulen von einer gegenteiligen Entwicklung künden. Folgende Inhalte wurden mir in letzter Zeit von mehreren Schulen in Dresden berichtet:

1. Lied Leistungskontrolle - Mark Forster "Sowieso" - 4.Klasse Grundschule.
2. Lied Leistungskontrolle - Prinzen "Alles nur geklaut" - 5.Klasse Gymnasium.
3. Lied Leistungskontrolle - Wir sind Helden "Denkmal" - 7.Klasse Gymnasium.
4. Rhythmus- und Melodiediktate - Leistungskontrolle - 8.Klasse Gymnasium.
5. Dreistimmigen Satz entwerfen - Leistungskontrolle - 9.Klasse Gymnasium.
6. Gitarrenkurs - Liedbegleitung - 8 UE - 9.Klasse Gymnasium.
7. Lied singen und an Keyboard oder Gitarre begleiten - Leistungskontrolle - 10.Klasse Gymnasium.

Hut ab vor diesen Musiklehrern! 
Nehmen wir mal den Gitarrenkurs als erstes Beispiel. Kann sein, dass es ein freiwilliges Projekt ist, ganz genau weiß ich es nicht mehr. Aber ich habe die Begleit-Unterlagen gesehen. Sie bestanden aus 4 zusammenkopierten Blättern. Auf einem waren 16 Gitarrengriffe drauf. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Gitarrenlehrer-Kollegen. Bei mir braucht ein Schüler im Durchschnitt ein Jahr, bis er die Grundakkorde der ersten Lage mit Achtel-Wechselschlag-Rhythmen sicher beherrscht und Lieder begleiten kann. In der Regel, ohne selber dazu zu singen. Denn es ist die Ausnahme, dass ein Schüler überhaupt die Neigung zum Mitsingen verspürt. 
Was mache ich falsch? Woher kommen meine Schüler? Wie schafft das ein Schulmusiker in wenigen Unterrichtseinheiten? 

Schön auch das Beispiel, bei dem sich (wohlgemerkt alle) Schüler einer ganz normalen 10. Klasse selber beim Singen begleiten sollten. Das Lied war gleich noch mit Synkopen gespickt - sonst wäre es ja zu einfach ;-) Den Fall habe ich deshalb verfolgt, weil die betreffende Schülerin mit mir das Stück geübt hat - merklich empört über die Schwierigkeit der Aufgabenstellung. Zu recht, denn ich muss ich gestehen, dass auch ich hätte bisschen üben müssen, wenn ich jetzt in jener Klasse wäre. Ich bin allerdings Berufsmusiker und müsste es noch besser können als der betreffende Lehrer, der Schulmusik studiert hat. Was bitte verlangt denn da der Lehrer vom ganz normalen 16-jährigen Schülern?

Das Problem liegt meiner Meinung nach tiefer als man denkt. Ich habe vor einer Weile mal einen Artikel von einem sogenannten Quereinsteiger gelesen. Es war ein Chemiker, der an Gymnasien Chemie und Physik unterrichtete. Nach einer Weile quittierte er den Schuldienst wieder, weil er mit dem Lehrplansystem nicht mehr klar kam. Er konnte nicht verstehen, dass die Schüler in der Praxis kaum Holz von Plastik unterscheiden können, aber im Unterricht Stoff aus dem ersten Chemiestudienjahr pauken, und zwar so, dass alles nach 4 Wochen wieder vergessen war.

Ich glaube, dass das allgemeine Schneller-Höher-Weiter längst auch in der Bildung angekommen ist. Das wäre gar nicht so schlimm, wenn es tatsächlich schneller, höher oder weiter ginge. Ich behaupte aber, dass die Qualität der Ausbildung unter dem Wachstumsdruck leidet. 
Stellen wir uns einfach einen Hochsprung-Trainer vor, der vom Training wenig Ahnung hat, wohl aber davon, die Latte immer höher zu legen. Nicht die Pädagogik sondern die Methode "Druck" führt zur höheren Leistung. Anstatt die Leistungsfähigkeit gezielt und systematisch zu verbessern, werden primär die Anforderungen erhöht und wenn nötig, Auslese betrieben. Das Schulsystem lädt dazu regelrecht ein. "Wir sind hier am Gymnasium, da kann man sowas verlangen."

Das einzige Bestreben der Schüler ist es, irgendwie über die höher gesetzte Latte zu kommen. Das ist eine Verzerrung des Bildungsgedankens. Das wird sich meiner Meinung nach rächen. Zum Beispiel darin, dass sich Schüler überfordert fühlen. Oder darin, dass die Schüler nicht mehr wissen, was sie wirklich wissen und können, was wiederum zu Selbstwertproblemen führt. Die Leistung wird unerklärlich, beinahe magisch. Für den Überflieger in positiver Weise, für den normalen Schüler negativ als Angst. 

Und warum bitte sollte ein ganz normaler Schüler ohne musikalisches Interesse einen dreistimmigen Satz am Keyboard (auf Zensur) komponieren müssen?  Da könnte ich auch einen Musiklehrer dazu verdonnern, mein Auto zu reparieren. Auf Zensur - versteht sich.
Und hat Mark Forster seinen Erfolg dem Umstand zu verdanken, dass seine Lieder so supereinfach sind, dass sie ein gewöhnlicher Viertklässler allein vor seiner Klasse darbieten kann. Ich glaube es nicht. Lügt sich da nicht jemand in die Tasche? Wie hält man das als Lehrer aus? Was kommt da wirklich am Ende heraus? Hat der Schüler wirklich etwas gelernt oder hat er nur gelernt, so zu tun als ob er etwas kann, nur weil er es mal gemacht hat?
Etwas einfaches gut können ist tausend mal besser als etwas schwieriges schlecht können. Mich erinnert das daran, dass ich früher manchmal Bücher gelesen, die meinen Intellekt überfordert haben. Ich habe nichts verstanden und nichts dabei gelernt. Ich habe mich aber gut und klug gefühlt. Ganz zu schweigen von Musikstücken, die weit über meinem Spielniveau lagen: "Was, Du spielst schon ... ?" Das sind sogenannte Potemkinsche Dörfer.

Mir scheint, dass das Prinzip "Latte-hoch-legen" nicht nur im Musikunterricht auf dem Vormarsch ist. Die gesamte höhere Bildung feilt meiner Meinung nach zu wenig an qualitätssichernden Methoden und erzwingt demgegenüber Leistungssteigerung zu sehr durch Normerhöhung. Es gipfelt dann im Studium darin, dass der Student für die Systematik des Wissenserwerbs selber zuständig ist und vom Professor im Nachhinein auf Fehler aufmerksam gemacht wird. 
Man könnte sagen: Je höher die Bildung, umso einfacher kann sich der Lehrer hinter der bloßen Leistungsforderung verstecken. Er betrachtet die Schüler kritisch, nicht aber seine Form der Lehre. Da die Schüler dem Druck der kritischen Betrachtung erlegen sind, mühen sie sich, die Leistung irgendwie zu erbringen. Deshalb fällt dem Lehrer nicht auf, dass seine Forderung eigentlich zu hoch ist und die Qualität der Ausbildung sinkt. Auf "Fake-Leistungen" kann man nicht aufbauen, denn sie sind nicht belastbar,. 

Fake-Leistungen sind leicht zu enttarnen, indem man Aufgabenstellungen abwandelt. Das tue ich ständig und entdecke immer wieder auch Lücken. Außerdem entwickle ich einen Lehrplan, bei dem der Schüler gezwungen wird, Dinge durch ständige und variierte Wiederholung - wenn nicht gleich, dann später - zu lernen. Das Ergebnis ist solides Können, dessen Niveau allerdings deutlich unter dem Schein-Niveau des Musikunterrichtes in der Schule liegt. 
Besser wäre es, wenn man in der Schule das gleiche machen würde. Anstelle von den oben genannten  überambitionierten Projekten, die am Ende eh nur den Spaß und das Interesse an der Musik durch Überforderung töten. 







Zu Hause hat es geklappt ...

Recht häufig wundern sich Schüler, warum sie im Unterricht schlechter spielen als zu Hause. Die Gründe dafür liegen nicht nur im Lampenfieber. Die Erfahrung des "Versagens" ist für die musikalische Entwicklung wichtig, sofern sie nicht zu sehr psychologisiert und damit vertieft wird. 

Eins vorneweg. Für einen live spielenden Musiker gibt es keine Entschuldigung, wenn etwas auf der Bühne nicht klappt. Es gilt dann als nicht gekonnt. Das ist wie beim Sportler: Die Leistung zählt im Wettkampf, nicht im Training. 
Kleine zufällige Fehler passieren immer, aber wenn etwas auf der Bühne schief läuft, dann ist es nicht perfekt genug. Jeder Musiker weiß, dass in der  Livesituation selten eine maximale Leistung erreicht wird. Man muss immer "drüberstehen"- also noch ein bisschen besser sein als das, was man spielt. Die Überzeugungskraft des Musikers ist wesentlich davon abhängig. 

Nicht wenige Schüler beklagen speziell im Anfangsunterricht, dass sie in der Gitarrenstunde nicht die Leistung von zu Hause abrufen können. Das geht soweit, dass gerade Erwachsene das für psychisch unnormal halten und regelrechte Komplexe entwickeln. Ich möchte das Psychologisieren aber unbedingt vermeiden, denn es überlagert die Freude an der Musik. Außerdem führt es bei grüblerischen Naturen zu einer Vertiefung des Problems. Deswegen sage ich den Schülern, dass der Verlust von Leistung in der Vorspielsituation im Unterricht ganz normal ist und folgende logische Gründe hat.

Vorspielsituation/ Angst/ Lampenfieber

Für den Schüler ist das Vorspielen im Unterricht die erste und lange auch einzige Bewährungssituation für das Erlernte. Wie gesagt - gerade bei Erwachsenen erlebe ich häufig, dass sie speziell die Situation des Alleinspielens als unangenehm empfinden. Sie machen sich mehr als Kinder Gedanken, was ich wohl von ihnen denke, wenn sie etwas nicht richtig können. Vor allem dann, wenn sie wirklich geübt haben. Die eigene negativ besetzte Denkweise führt zu noch mehr Anspannung als sie in jeder  Prüfungssituation sowieso schon ist. Das Adrenalin sorgt für Konzentration, doch meistens ist das Ziel der Konzentration auch die Angst vor dem Versagen. Unter Angst erhöht sich der Muskeltonus, unbewusst und unbemerkt. Allein das behindert die Bewegungen - ihre Präzision, die Flüssigkeit und die Schnelligkeit. Die nervlichen Prozesse sind auch betroffen - Übersicht, Ruhe, Erinnerung. Man kann an dem Problem der Prüfungsangst arbeiten. Vor allem kognitiv, indem man sich fragt, wovor man denn Angst hat. Denkt man die Kette der Gründe für Angst konsequent zu Ende, bleibt meistens nichts, was wirklich bedrohlich wäre. 

Ich als Lehrer versuche den Druck zu verringern, indem ich keine Perfektion verlange, sondern in erster Linie das "Dranbleiben" innerhalb des Stückes.

Andere Umgebung


Das musikalische Handwerk ist von einem Zusammenspiel von muskulären und nervlichen Prozessen gekennzeichnet. Diese Prozesse hängen durchaus auch von der Umgebung ab. Die Finger und der Kopf müssen präzise Arbeit leisten. Wenn dann z.B. die Koordinaten von Bewegungen an eine ungewohnte Spielsituation angepasst werden müssen, führt das schnell zur Konfusion. Beispiele: Die Fußbank ist bisschen höher oder der Sitz etwas niedriger, der Notenständer etwas höher oder etwas weiter links oder rechts. Eines von dem reicht,  und Fehler in den Abläufen werden wahrscheinlicher. Eine andere Umgebung bedeutet immer auch einen anderen Klang. Nichts ist irritierender als ein ungewohnter Klang seines Instrumentes. Sofern es nicht ein besserer Klang als der gewohnte ist, tritt ein unangenehmes Gefühl ein. Dies wird unterschätzt. 


Hat es zu Hause auf Anhieb geklappt?

Wenn man zu Hause geübt hat, erinnert man sich meist an den letzten Durchgang. Wenn dieser gut lief, dann bleibt in der Erinnerung verankert, dass es geklappt hat. Meist übt man auch so lange bis es geklappt hat. Im Unterricht allerdings zählt der erste Durchgang. Wenn es dann nicht klappt, wundert man sich, da es ja zu Hause geklappt hat. Man unterschlägt aber, dass es zur gleichen Zeit zu Hause möglicherweise beim ersten Mal auch nicht geklappt hätte. Man vergleicht also falsch. Ich erlebe oft, dass der First Take im Unterricht nicht der beste ist.


Selbsttäuschung

Viele Schüler sind nicht wirklich in der Lage, ihre Leistung genau zu kontrollieren wenn sie selber spielen. Man verzählt sich oder man spielt etwas falsches ohne es zu merken. In der Vorspielsituation, speziell in der, in der ich mitspiele, treten diese Fehler oder Unsicherheiten deutlich zu Tage. Sie können dann nicht plötzlich behoben werden und führen zu Verunsicherung sowie zu weiteren Fehlern. Zu solchen, die man zu Hause tatsächlich noch nicht gemacht hat. Aufgrund der Konzentration, die die Vorspielsituation fordert, werden die Fehler dann auch noch gelernt, so dass sie den Schüler vollends aus der Fassung bringen.

Instabile Phase/ Toter Punkt

Dieses Phänomen werden auch erfahrene Musiker an sich beobachten und ich werde dazu auch noch einen eigene Artikel schreiben. Innerhalb der Lern- und Übestufen eines Stückes kommt es an unterschiedlichen Stellen zu "toten Punkten", an denen man sich scheinbar zurück entwickelt und trotz Übens schlechter wird. Ich vergleiche das mit der Dramaturgie eines Hollywood-Films, bei dem meistens gegen Ende in der Handlung ein retardierendes Moment eintritt, an dem nichts mehr geht, der aber schließlich zum Happy End führt. Kurz vor einem Entwicklungsschritt scheint uns das Gehirn auf die Probe zu stellen und tut so, als ob es eigentlich gar nichts gelernt hat. Manchmal kann genau dieser Moment im Unterricht eintreten. Das ist gar nicht so schlecht, denn mit meiner Hilfe kann dieser Punkt noch besser überwunden werden.  


Die Pleite beim Vorspiel empfindet der Schüler als ungerecht. Aber er hat die eben genannten Faktoren unterschätzt.  Mit der Zeit lernt er das Prinzip kennen, kann sich selbst besser einschätzen und gewöhnt sich natürlich auch besser an die Unterrichtssituation.
Es gibt da so eine Faustregel: Was zu Hause dreimal hintereinander fehlerfrei klappt, das kann man auch in einer Vorspielsituation überzeugend abliefern. Dann auch mit weniger Versagensangst, vielleicht sogar mit einem gewissem Stolz über die eigene Leistung. Wer gut vorbereitet ist, braucht nichts zu befürchten. Das ist die allereinfachste Antwort auf die Frage, warum es im Unterricht nicht klappt, aber eben auch die für den Schüler unangenehmste.



Die 5 Wege des Lernens


Für mich gibt es 5 grundlegende Methoden des Übens bzw. Lernens, die man als Musiker in seiner eigenen Übepraxis oder als Lehrer in seiner Didaktik verwenden kann. Alle drei haben ihre jeweiligen Einsatzgebiete. Wer die Mechanismen kennt, kann sein Üben effektivieren.  

Wie übt man richtig? Auch hier gibt es bestimmt unzählige Wortmeldungen unter den Musikern und Musikpädagogen. Ich erlebe oft, dass sich gerade Erwachsene über Zeitmangel beklagen. "Ich konnte diese Woche nicht oder nur ganz wenig üben". Wie ich hier schon öfter erwähnt habe, bin ich die Gedanken darüber leid, ob und warum jemand nicht üben kann. Was ich nur machen kann, ist mit den Schülern im Unterricht zu üben. Das hat sogar Vorteile: Ich kann den Schülern erstens zeigen, wie effektives Üben geht. Zweitens sichere ich ab, dass sie nichts falsches lernen. Drittens erfahre ich etwas über die Wirksamkeit der Übemethoden und über die Lernpsychologie des Menschen. Für die Richtigkeit meiner Erkenntnisse ist das Üben zu Hause sogar nachteilig. Die nicht übenden Schüler befinden sich sozusagen in einer Laborsituation.

Das Musizieren auf einem Instrument besteht aus der Wiedergabe erlernter Bewegungsroutinen. Das Lernen besteht aus Informationsaufnahme und Vertiefung (durch Wiederholung). Wenn wir uns unser Gehirn wie ein Aufnahmegerät vorstellen, dann ist die Konzentration, die wir beim Lernen haben vergleichbar mit der Qualität unserer Aufnahme. Die zum Lernen nötige Konzentration erhöht sich durch Faktoren wie Freude, Stress- , Angst und Frustfreiheit sowie Belohnungserwartung. Aber auch durch Druck (Autorität/Publikum). Dies gilt sowohl für Aufnahme neuer Informationen wie auch für die Vertiefung von Erlerntem. Den Zustand der absoluten Konzentration auf eine Sache nennt man auch "Flow"-Effekt. Dieser Zustand ist ideal für das Üben.
Ich sehe 5 Wege, wie man üben und lernen. Ich ahbe ihnen zum Spaß englische Namen gegeben - klingt überzeugend und modern ;-)

1. Slow Down

Das unschlagbare Rezept um beachtliche Dinge vollbringen zu können.  Der Ablauf der Bewegung und der Steuerprozesse wird so weit in der Geschwindigkeit verringert, dass er schon beim ersten Mal richtig ausgeführt wird. Das Gehirn ist äußerst dankbar für Stressfreiheit und belohnt den Zustand der beschaulichen Wahrnehmung mit einem hohen Maß an Aufnahmefähigkeit. Eine über die Anzahl der Wiederholungen eingeübte Routine kann schließlich nach ein paar Tagen und Nächten immer schneller und immer unkonzentrierter ausgeführt werden.

So einfach und logisch dieses Prinzip auch erscheint, intuitiv macht es der Mensch eher anders. Intuitiv ist er ein Nachahmer. Er will gezeigtes nachmachen. Und zwar sofort. Beim Musizieren funktioniert das aber eher schlecht. Ich sage immer: Es gibt nichts was zu schwer ist, nur etwas, das zu schnell ist. Das Verlangsamen erfordert vom Schüler ein hohes Maß an Geduld, denn das Bedürfnis nach Klang wird infolge der verzerrten zeitlichen Wahrnehmung der Musik beim Langsamspielen nicht erfüllt. Der Schüler muss erstmal auf das klangliche Resultat warten. Ich sage dann aber immer, dass er darauf schon so lange gewartet hat, dass es jetzt auf die paar Tage auch nicht mehr ankommt. 
Um mal ein klassisches Beispiel herauszugreifen: Finger/Folk-Picking. Daran hat man erst in einer bestimmten Geschwindigkeit wirklich Spaß. Um den aber tatsächlich irgendwann zu haben, muss man sehr geduldig und genau und langsam üben. Die gute Nachricht ist jedoch, dass die über die Routinierung gelernten Fähigkeiten bei allen so gearteten Stücken später bereits zur Verfügung stehen. Die meisten Routinen sind universal verwendbar. Ein mit dem "Slow Down Prinzip" erkämpfter Lernschritt ist manchmal sogar automatisch mit einer magischen Verbesserung in anderen Bereichen verbunden. Ich glaube manchmal, dass ich mich dadurch verbessern kann, einfachste Übungen der Schüler ganz langsam mitzuspielen. 

Umgedreht ist das Spielen an der Leistungsgrenze regelrecht gefährlich, weil man allzu schnell seine Ungenauigkeiten, den Stress und die Fehler kultiviert, anstatt die Qualität von Timing und Bewegung zu erhöhen. 
Dem Schüler speziell am Anfang die Langsamkeit anzugewöhnen ist schwer. Der Schüler will alles gleich können: Weil er ambitioniert ist oder weil er genial sein will oder weil er Angst hat, schlecht zu sein oder weil er ein Leben mit hohem Tempo lebt. Wenn Musikpädagogen das Prinzip der langsamen Beschaulichkeit, der Sorgfalt und der absoluten Stressfreiheit vermitteln können, dann könnten sie auch auf Rezept der Krankenkassen arbeiten - Modewort: Achtsamkeit. Dann nämlich haben sie die heilende Wirkung von Yoga oder ähnlichem vermittelt. Nur dass es beim Yoga niemanden gibt, der außer dem Yogi was davon hat. Das ist bei Musik anders. Musik macht auch denen Freude, die sie hören.
Verlangsamen, bewusst machen, Freude am Detail haben und geduldig wiederholen - wer das über einen längeren Zeitraum macht, wird immer einen Gewinn erzielen. Nicht nur beim Musizieren.

2. Easy Steps

Nun gut, man könnte sagen: Es gibt alltägliche Fähigkeiten, die wir nur in bestimmten Mindestgeschwindigkeiten tun können: Z.B. Fahrradfahren oder Sprechen. Auch beim Gitarrespielen gibt es Techniken, die umso schwerer oder gar unmöglich werden, je langsamer man sie ausführt: Z.B. Slides und Bendings. Demzufolge gibt es auch noch eine weitere Übeform, die eben genau nicht auf die Verklangsamung eines Prozesses abzielt, sondern auf die Vereinfachung. 
Meist handelt es sich um eine schrittweise Vereinfachung, oder - von unten gesehen - eine schrittweise Verkomplizierung. Ein leicht zu verstehendes Beispiel wäre ein Akkordschema, das man in der ersten Schwierigkeitsstufe vielleicht erstmal nur mit Ganzen Noten, dann mit Halben und dann mit Vierteln usw. schrittweise erlernt. Der Vorteil der Vereinfachung liegt darin, dass die klangliche Erfahrung auf der jeweiligen Übestufe attraktiver ist, als wenn man die Akkordfolge z.B. im Zielrhythmus verlangsamt. Diese Übemethode hilft gerade bei der Liedbegleitung. Man kann ein Lied von Anfang an mitsingen.
Der Nachteil dieser Methode ist, dass für jede Übestufe ein eigener "Bewegungsfilm" im Gehirn erstellt werden muss. Die Routinen sind auf dem jeweiligen Niveau zwar einfach, dafür aber insgesamt zahlreicher.
Im Melodiespiel wären Vereinfachungen z.B. durch das Weglassen von Verzierungen möglich. Wobei man auch da bemerken muss, dass man dann in gewisser Weise doppelt übt. Das kann insofern problematisch sein, dass das Gehirn an bestimmten Stellen ungewiss ist, welcher Ablauf zu welcher Übevariante gehört, was sich in unerklärlichen Fehlern äußern kann. Manchmal gehört zu einer bestimmten Technik ein bestimmter Fingersatz, der anders ausgeführt keinen Sinn macht.
Es ist am Ende  eine Frage der Abwägung, ob das Mittel der Vereinfachung zur Effektivität beiträgt oder eher nicht. Musikpädagogisch wird es von mir gern zur Motivation eingesetzt. Es steigert die Motivation, wenn der klangliche Erfolg in Bezug auf Zielgeschwindigkeiten von Anfang an da ist. Lieber auf einem niedrigeren Level perfekt als auf einem höheren Level fehlerhaft und klanglich unbefriedigend.
Das Klettern auf Stufen scheint zudem einen gewisses Ehrgeizbonus heraus zu kitzeln. Der Schüler freut sich über den kleinen Schritt genauso wie über den großen. Das Einrichten von Schwierigkeitsstufen ist wie eine Treppe, die einen großen unüberwindbaren Höhenunterschied in mehrere kleine überwindbare aufteilt.

3. Compression

Schwierigkeiten sind gerade über längere Stücke gesehen meist nicht gleichmäßig verteilt. Oft sind es ein paar Stellen, die Probleme bereiten. Oft kann man die Probleme klar benennen. Wegen ein paar Stellen ein ganzes Stück ganz langsam zu spielen, macht keinen Sinn. Es gibt zwei Möglichkeiten, das Üben zu komprimieren. Entweder man übt Ausschnitte - meist in Taktschleifen - oder man denkt sich kleine Übungen aus, die die Schwierigkeit einer oder mehrerer Stellen auf kleinem Raum zusammenfassen. 
Die erste Form ist sehr geläufig, aber eben auch mit einem klassischen Problem behaftet, das wohl jeder Musiker kennt: Man übt eine Stelle und sie klappt. Dann spielt man das ganze Stück und die Stelle klappt plötzlich wieder genauso wenig wie vorher. Der Grund liegt hier m.E. in den Verknüpfungsmechanismen unseres Gehirns. Wir müssen uns die einzeln geübte Stelle wie eine neue Datei auf unserer imaginären Gehirn-Festplatte vorstellen. Diese neue Datei muss sozusagen in das Projekt neu eingebunden werden, denn im Projekt wird noch die alte fehlerhafte Datei verwendet. Diese Verknüpfung passiert über einen "Ping", der rechtzeitig vor jener Stelle im Kopf gesetzt werden muss. Wir müssen während des Spielens daran denken, die neue Datei aufzurufen, das mehrfach wiederholen und erst dann ist tatsächlich der Erfolg zu beobachten.
Wenn der Schüler z.B. eine neue Technik oder einen neuen Akkord erlernt, dann bieten sich immer komprimierte Vorübungen an, in denen der Schüler seine ganze Konzentration nur auf das Problem richten kann. Er darf nicht zusätzlich durch andere musikalische Linien abgelenkt werden. Man kann seine Konzentration nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig lenken. Einen schwierigen Rhythmus lernt man besser, wenn man die Akkordwechsel weg lässt. Akkordwechsel lernt man besser mit einfachem Rhythmus. Mit kleinen Spezialübungen kann man zudem die Übedichte - also die Anzahl richtiger Wiederholungen - erhöhen. Statt aller 4 Takte den Akkord zu wechseln, wechselt man auf jedem Viertel o.ä..
Wenn ich aus Erfahrung die Problemstellen eines Stückes kenne, lasse ich komprimierte Übungen mit diesen Stellen schon üben, bevor das Stück überhaupt in Angriff genommen wird. Der Vorlauf lässt diese Stellen dann wiederum nicht so schwer erscheinen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Angst mit diesen Stellen verbunden wird, ist damit geringer und das ist immer von Vorteil.

4. Just do it
 
Das könnte man übersetzen mit: "Egal wie Du es machst, Hauptsache Du machst es.". Es gibt Menschen, die Probleme haben, strukturiert zu lernen. Ihnen liegt es mehr, selber Entdeckungen zu machen. Im Gitarrenunterricht sind das recht anstrengende Schüler. Aber in der Praxis setzen sich diese Macher meist besser durch. Es einfach irgendwie zu machen, ist ineffektiv. Aber viele Musiker üben die meiste Zeit nicht effektiv, werden aber  trotzdem besser. Sie spielen das, was sie sowieso schon können bzw. spielen etwas, das sie eigentlich nicht können, so, als ob sie es können. Oder sie improvisieren und experimentieren ohne sich um die Wirksamkeit des Übens zu kümmern.. Dies trifft auch auf Autodidakten zu. 
Diese Art des Übens ist bezogen auf die Übezeit sehr ineffektiv. Da aber dieses Üben immer mit Lust und Freude verbunden ist, wird es oft und lange gemacht - und zeigt Resultate. Für den Fortschritt ist hierbei die Anzahl sehr vieler Wiederholungen verantwortlich, verbunden mit dabei zufällig auftretenden Veränderungen, die sich als Verbesserung herausstellen. Im Grunde ist das eine Analogie zum Try-and-Error der Evolution in der Natur.

5. Pressure

Mir ist an mir selber aufgefallen, dass Belastungsproben wie Aufnahmen oder Konzerte oft im Nachhinein zu einem fühlbaren Fortschritt führen. Der Druck, eine bestimmte Leistung abzurufen, schafft Konzentration. Diese Konzentration wirkt wie ein Aufnahmeverstärker und zeigt Wirkung, sofern die erforderliche Leistung halbwegs richtig ausgeführt wird und die eigene Leistungsfähigkeit nicht deutlich übersteigt.

Wie jeder Gitarrenlehrer habe ich Schüler, die zu Hause kaum bis gar nicht üben. Mit ihnen bleibt mir nichts anderes übrig, als im Unterricht zu üben. Dieses Üben ist für die Schüler unter anderem auch deswegen so effektiv, weil meine Anwesenheit den Druck verstärkt und damit mehr Konzentration schafft.
Ich habe auch Schüler, die einen großen Unterscheid beklagen zwischen dem , was sie zu Hause schon können, und dem, was sie im Unterricht zustande bringen. Diesen Schülern empfehle ich, mir zur nächsten Stunde ein mit dem Smartphone aufgenommenes Überesultat mitzubringen. Ich erwarte dabei folgende Wirkung: Die Konzentration bei der Aufnahme führt zur Übeeffektverstärkung. Sehr wahrscheinlich kann der Schüler dann auch im Unterricht genau jene Leistung abrufen. Natürlich auch im beruhigenden Wissen, den Beweis schon vorher erbracht zu haben - aber dennoch: Das Aufnehmen ist eine Form des effektiven Lernens.
Und prinzipiell lädt diese Form des Lernens dazu ein, soviele Bewährungssituationen zu suchen wie nur möglich: Spielen, spielen, nochmals spielen.  


Ich denke, man kann in seiner Unterrichts- und Lehrplangestaltung mit diesen 5 Lernmethoden  kreativ umgehen. Jede Methode hat Vor- und Nachteile und ideale Anwendungsgebiete. Jeder Schüler hat, meist als Bestandteil seines Charakters bevorzugte Lernmethoden. Dennoch sollte jedem Schüler die 5 Wege nahe gebracht werden. 




Was ist musikalisches Talent?

Bin ich musikalisch talentiert? Die Frage stellen sich viele bereits, bevor sie mit dem Gitarrelernen beginnen. Doch was ist eigentlich genau das musikalische Talent? Ich bin der Meinung, dass es DAS musikalische Talent gar nicht gibt, sondern Teilbegabungen bzw. Eigenschaften, die sich zu einer mehr oder weniger günstigen Mischung vereinigen.  

Auch diesem Beitrag muss ich voranstellen, dass mir für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema "Musikalisches Talent" die Zeit und die Lust fehlen, selbstverständlich auch der Sachverstand. Ich spreche nur aus Erfahrung - in Verbindung mit ein wenig Denkarbeit.
Es gibt nicht DAS Musiktalent. Schon allein weil es auch nicht DIE Musik gibt. Das Musizieren und das erfolgreiche Musizieren vor Publikum ist ein Prozess, der sich aus vielen Aspekten zusammensetzt. All diese Aspekte erfordern spezifische Fähigkeiten und Eigenschaften. Von einer Begabung spricht man, wenn einerseits bestimmte Fähigkeiten bereits vorhanden sind oder wenn andererseits eine überdurchschnittliche Lerngeschwindigkeit in Bezug auf diese Fähigkeiten vorhanden ist. Das erste ist in vielen Fällen die Folge des zweiten, aber es gibt halt auch Fähigkeiten, die auf angeborenen Faktoren beruhen.
Ich habe insgesamt 10 Talente herausgefunden, die sich in Summe auf den Erfolg einer musikalischen Ausbildung bzw. eine Karriere auswirken. Ich gebe diesen Talenten keine Gewichtung, denn Defizite in dem einen oder anderen Bereich können kompensiert werden. Die Reihenfolge ist willkürlich festgelegt.

Gehör - Klangvorstellung - Intonation

Einerseits ist das Gehör trainierbar. Andererseits gibt es Menschen, die von Natur aus entweder ein sehr feines Gehör besitzen bzw. starke Assoziationsmechanismen, die ein besseres akustisches Gedächtnis ermöglichen. Ein absolutes Gehör ist die Folge eines guten Klanggedächtnisses. Akustische Reize prägen sich stark ein und vereinfachen nicht nur die Reproduktion von Gehörtem sondern auch die Identifikation und Beurteilung von Klängen. Dies wiederum wirkt sich positiv auf die Klangerzeugung und die Intonation aus. 
Viele Hobbymusiker hören ihre Fehler nicht und können sie daher von selbst nicht abstellen. Menschen mit einem guten Gehör produzieren einen guten Klang, denn schlechter Klang tut ihnen weh. Dennoch ist das Gehör kein Allheilmittel, so wie es speziell in der klassischen Musik manchmal dargestellt wird.

Rhythmusgefühl - Klangvorstellung - Timing

Meiner Meinung nach wird Rhythmusgefühl in der gegenwärtigen Musikausbildung untergewichtet. Jeder Musiker ist für mich ein Schlagzeuger, nur dass er mit Fingern trommelt. Unsere klassische Kunstmusiktradition hat uns auf eine falsche Fährte gelockt. Sie suggeriert, dass Timing nicht so wichtig wie Klang ist. Und das ist möglicherweise so, weil sich die Kunstmusik zur "Sitz- und Hörmusik" entwickelt hat, die auf einen passiven Zuhörer setzt. Das ist keine Wertung, aber in Bezug auf die musikalische Ausbildung ist für mich Rhythmus das Thema Nummer 1. 
Wenn wir es ganz genau nehmen, ist jeder Klang letztlich auch nur der Rhythmus einer Amplitude. Ich behaupte, dass rhythmische Muster einer Klangvorstellung bedürfen, die in unserem Sprachzentrum angesiedelt ist. Rhythmus wird mit Bewegung erzeugt, aber genau wie Sprache in die Zukunft gedacht. Rhythmus hat etwas mit der Gegenwartserfahrung zu tun. Rhythmusgefühl bedeutet einerseits, eine Vorstellung von einer rhythmischen Abfolge zu haben, so wie man eine Vorstellung von der Aussprache eines Wortes hat - und zum anderen bedeutet es, seine Bewegungen soweit zu lockern, dass der Körper in die Schwingung eines Timings gerät. Also in Resonanz.
Wer ein gutes Rhythmusgefühl besitzt oder erwirbt, kann mit Worten, Geräuschen oder mit einem Fingerschnipsen Musik machen.

Feinmotorik - Schnelligkeit - Virtuosität

In der Spitze sind Musiker meist Virtuosen. Virtuosität ist mehr als nur Schnelligkeit, aber ich denke, dass es genauso wie im Sport Menschen gibt, die bestimmte Bewegungsabläufe schneller und genauer ausführen können als andere. Hierbei spielt die Abspeicherung von Bewegungsroutinen eine Rolle sowie die körperlichen (nervlichen) Voraussetzungen für schnelle und genaue Bewegungen. 
Ich wette, dass ein Sprinter eine motorische Begabung hat, die er auch auf einem Instrument ausleben könnte. Denn beim Sprint entscheiden nicht allein die Muskeln über den Sieg sondern der optimale Bewegungsablauf, welcher dann eine maximale Wiederholungsrate ermöglicht.
Man kann ohne jegliche Begabung in puncto Gehör oder Rhythmus schnelle Läufe auf der Gitarre spielen. Ich habe das bei Rockgitarristen öfter beobachtet.

Ausdruck - Emotion - Charisma - Imitation

Es gibt Menschen, die verfügen über eine überdurchschnittlich starke Fähigkeit, andere Menschen in ihren Bann zu ziehen. Zum einen gehört dazu eine Portion der sogenannten emotionalen Intelligenz dazu. Gemeint ist die Fähigkeit, die eigene Wirkung auf andere sowie deren Gefühle in Situationen einschätzen zu können. Zum anderen gehört dazu die Fähigkeit zur Ausdrucksstärke. Man könnte von einem schauspielerischen Talent sprechen. Musik hat immer etwas mit Emotionen zu tun. Ein Klang allein wirkt emotional. Wer allerdings gut in der Lage ist, die Emotionalität eines Klanges zu unterstreichen, sei es mit musikalischen oder theatralischen Mitteln, der kann Leute mehr begeistern als ein nüchterner Darbieter der allerhöchsten Kunstfertigkeit..

Kreativität - Individualität - Originalität - Fantasie

Und es gibt Menschen, die einen überdurchschnittlichen Sinn für Außergewöhnliches haben. Sie sind anders als andere, meist weil sie anders sein und sich abheben  wollen. Das ist sicher verbunden mit dem Wunsch nach Aufmerksamkeit aber eben auch mit der Gefahr Missgunst zu ernten. Manche können nicht anders, manche wollen nicht anders. Um in der sehr reichen Musikwelt aufzufallen, scheint diese Begabung von Vorteil zu sein. Kreativität heißt, neues zu schaffen. Nirgendwo ist das Neue so wichtig wie in der Popmusik. Neu heißt dabei immer auch "anders". Nicht völlig anders, aber eben individuell bzw. originell. Ein Musiker, der Dinge anders macht als andere und der eigensinnig und fantasievoll ist, hat einen großen Vorteil. Manche Künstler möchten auf Brücken laufen, die hinter ihnen einstürzen, damit ihnen niemand folgen kann.

Intelligenz - Gedächtnis - Kombination - Rekombination

Als Lehrer weiß man, dass Kinder mit schlechteren schulischen Leistungen meist auch schlechtere musikschulische Leistungen haben. Es gibt hier Ausnahmen, speziell wenn schlechte schulische Leistungen ihre Ursache nicht in mangelnder Intelligenz haben. Es gibt aber (leider) den Zusammenhang zwischen Intelligenz, Elternhaus und musikalischer Leistung. Für viele Anforderungen beim Musizieren brauchen wir ein halbwegs gutes Gedächtnis. Es hilft ungemein, wenn man sich Notennamen, Griffe, Skalen, Formen usw. schnell und gut merken kann. Es hilft, wenn man Schemen, logische Zusammenhänge und Komplexität schneller erkennt.   
Angeblich gibt es den Effekt, dass Musik die Intelligenz erhöht. Meiner Meinung hängt das damit zusammen, dass Musik die Intelligenz fordert.

Leidenschaft - Lust - Freude - Motivation 

Ich hatte eingangs erwähnt, dass es keine Gewichtung in den Talentaspekten gibt, aber hier würde ich dann doch sagen: Die Leidenschaft und die Freude an der Musik ist der Faktor, der vielleicht am meisten über die musikalische Leistungsfähigkeit entscheidet. Warum? Mit Leidenschaft und Freude wird man sämtliche Defizite in den anderen Bereichen reduzieren können. Weil man durch Lust und Motivation am Ball bleibt und die Qualität Stück für Stück größer wird. Wer keine besonders große Freude am Musizieren empfindet, kann begabt sein, wie er will - ihm wird die nötige Praxis fehlen. Mein Lehrer hat gesagt: Schweißer wird man vom Schweißen. Pat Metheny hat gesagt, dass ein guter Musiker irgendwann Zeiten gehabt haben muss, in denen er 7 Stunden am Tag gespielt hat. Ohne außerordentliche Freude am Klang macht man das nicht. 

Fleiß - Ehrfurcht - Geduld - Disziplin


So sehr die Lust und die Leidenschaft zum Musizieren notwendig ist: Es gibt viele Momente im Leben des ambitionierten Musikers, wo Frust einkehrt und das schnelle menschliche Belohnungssystem zur Motivation nicht ausreicht. Hier sind Primärtugenden wie Fleiß und Disziplin gefragt. Genau in diesen Phasen steigen viele durchaus fähige Musiker aus. Schüler hören auf zu üben. Eine Abwärtsspirale kommt in Gang, in der mangelnde Erfolgserlebnisse die Lust verringern. Wie heißt es immer: Das Talent ist die 1 und der Fleiß sind die Nullen dahinter. Ich bezeichne Fleiß ebenfalls als Talent, denn nachgewiesenermaßen gibt es Menschen, denen es besser als anderen gelingt, das Belohnungssystem a la long zu stellen und Dinge zu tun, von denen erst langfristig eine Belohnung zu erwarten ist. Zusätzlich habe ich unter diesem Punkt noch das Wort Ehrfurcht als Synonym für die Anerkennung von Autoritäten genannt. Nicht immer, aber oft zahlt es sich aus, den Rat von Leuten zu befolgen, die vieles besser wissen als man selbst. 

Schicksal - Psyche - Kompensation 


Ein Ansporn unseres Tuns liegt durchaus in der Absicht, geliebt, geehrt und geachtet zu werden. Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ein Problem mit mangelnder Liebe, Selbstliebe oder Selbstwertgefühl haben, haben unter Umständen ein Talent zur Kompensation. Das heißt, dass sie sich Tätigkeiten suchen, mit denen sie ihr Selbstwertgefühl steigern können bzw. dass sie sich Tätigkeiten suchen, in denen sie ein Gefühl von Glück finden, das ihnen im normalen Leben verwehrt ist. Für viele Künstler waren psychische und biografische Probleme ausschlaggebend für ihre ganz besondere Anstrengung und Vertiefung in die jeweilige Materie. Kunst, und hier Musik im Besonderen, wird nicht umsonst als Therapieform genutzt. Kunst ist ein Rückzugsgebiet für Menschen, denen das Glück auf normalem Wege nicht recht gelingen mag. Beziehungsprobleme, Verhaltensprobleme und Anomalien schaffen eine gewisse Isolation, die dazu führen kann, viel Zeit mit sich und der Kunst zu verbringen. 

Menschliche Reife - Tugend

Dieser Punkt ist mir erst eingefallen, als ich dachte, dass es nur 9 Talente gibt. Menschliche Reife ist kein Talent, sondern eigentlich nur mit Lebenserfahrung zu erreichen. Es gibt aber junge Menschen, die auf ihre Art äußerst ausgeglichen und beinahe weise erscheinen. Kinder mit außergewöhnlichen musikalischen Leistungen wirken oft viel reifer als ihre Altersgenossen. Sie interessieren sich für andere Dinge als Gleichaltrige. Das Bild vom kaspernden Mozart ist eine Verzerrung. 
Dennoch interessieren mich die Darbietungen von Kinderstars kaum, auch wenn ich oft staune. Eine Meisterleistung baut für mich auf einem menschlichen Reifeprozess auf. Große Künstler benötigen Lebenserfahrung, die sie tugendhaft und reif werden lässt. Musik ist Informations- und Energieübertragung. Wer in seinem Leben keine Erkenntnis gewinnt, der wird auch wenig übertragen können. Manche Kinderstars reifen nicht aus, weil ihr Lebensweg ganz anders verläuft, als es für einen echten Meister nötig ist. Sie werden früh  verheizt. Sie geraten in zu schwere Krisen. Ihr Innenleben hinkt ihren musikalischen Laufbahn hinterher und fordert irgendwann seinen Preis.


Man erlebt häufig, dass die als große Talente gehandelten Musiker meist in allen Disziplinen ähnlich begabt sind. Dies ist der Grund, warum viele das musikalische Talent für eine Art Monolith halten. Tatsächlich aber wird jeder Musiker in den 10 genannten Punkten etwas finden, das bei ihm nicht oder nur wenig zutrifft.
Viele Menschen werden entmutigt zu musizieren, weil ihnen andere das Talent absprechen, obwohl sie gar nicht wissen, wovon sie genau reden. Der pauschale Verweis auf das musikalische Talent ist mit der Unfähigkeit verbunden, ein präzises Urteil abzugeben - sowohl positiv als auch negativ. 


Gitarre lernen ohne Üben?

Gitarrenunterricht ohne zu Hause zu üben? Geht das? Die Theorie sagt hier vermutlich NEIN, aber die Praxis sagt: JA, es muss gehen. Denn in der Realität sieht es so aus, dass ein nicht unerheblicher Teil der Schüler aus diversen Gründen so gut wie nie übt. 



Die meisten sagen mir ganz offen, wenn sie nicht geübt haben, denn sie wissen, dass ich daraus kein Problem mache. Bei vielen Schülern, die nicht geübt haben und es nicht sagen, merkt man nicht nur den fehlenden Fortschritt nach einer Woche sondern auch, dass man nach 7 Tagen ohne Wiederholung bestimmte Dinge vergessen wurden. Es ist auch schon manchmal vorgekommen, dass ein Schüler seine Noten im Unterricht vergisst und es erst eine Woche später merkt - beim Auspacken der Noten im Unterricht. Trotzdem kommen diese Schüler nicht ungern zum Unterricht, und trotzdem kündigen sie den Unterricht nicht auf. Ich habe schon in  anderen Blogtexten darauf hingewiesen, dass sich der private  Musikpädagogen darauf einrichten muss, dass ein Teil der Schüler die Gitarre nur im Unterricht zur Hand nimmt. Wer auf jeden Schüler angewiesen ist, muss damit leben, dass mancher Schüler keinen eigenen Antrieb zum Musizieren verspürt, egal wie toll der Lehrer und der Unterricht ist. Ein subventioniertes Schulsystem würde diese Schüler sanktionieren oder ausfiltern. Ein privat finanziertes System muss damit umgehen.

Üben ist die Wiederholung von Bewegungsabläufen. Wir gehen davon aus, dass ein tägliches Üben maximalen Fortschritt ermöglicht. Es ist allerdings nicht gesagt, dass Üben im Abstand von 7 Tagen zu Stillstand oder Rückschritt führt. Ich würde behaupten wollen, dass jemand, der nur aller 7 Tage im Unterricht übt, vermutlich 7 mal länger zum Lernen braucht, als derjenige, der täglich übt. Ökonomisch ausgedrückt, wäre infolge des Nichtübens der Musikunterricht also 7 mal so teuer.

Im Unterricht wiederholend zu üben, ist für manche Lehrer ein Tabu. Wer auf nicht übende Schüler angewiesen ist, kann jedoch nichts anderes im Unterricht machen. Mit einem Schüler zu üben, ist keine besonders aufregende Tätigkeit. Aber immerhin ist diese teure Übezeit für den Schüler effektiver, als wenn er die gleiche Zeit allein üben würde. Gründe dafür sind das hohe  Konzentrationslevel im Beisein des Lehrers, desweiteren die sofortige Kontrolle zur Fehlervermeidung und schließlich die effektive Übestrategie, für die der kompetente Lehrer sorgt. Wenn man dieses Plus an Effektivität berücksichtigt, könnte der Verlustfaktor 7 ein wenig reduziert werden. Und da selbst ein fleißiger Schüler kaum wirklich 7 mal in der Woche zu Hause übt, bliebe am Ende vielleicht ein Faktor von ca. 3-4 übrig, den der nicht übende Schüler  verlangsamt lernt gegenüber dem übenden Schüler. Das deckt sich auch so ungefähr mit meinen Erfahrungen. Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen "faul" und "fleißig". Aber wenn ein "fauler" Schüler längere Zeit wenigstens regelmäßig zum Unterricht kommt und mit mir übt, ist sein minimaler Erfolg dann doch recht beachtlich.

Unterrichtszeit mit Üben zu verbringen, reicht aber im Umgang mit nicht übenden Schülern nicht aus. Zusätzlich muss der Lehrplan angepasst werden. Lernschritte und Lerngegenstände müssen so klein sein, dass der Schüler nicht 2 Monate die gleiche Übung im Unterricht übt, sondern dass man nach spätestens 3 Wochen den nächsten Schritt gehen kann. So wird es nicht fürchterlich langweilig für beide Beteiligten. Da ich meinen Lehrplan draufhin entwickelt habe, und er auch noch für den langsamsten Schüler halbwegs abwechslungsreich ist, ist es für den schnellen Schüler umso schöner, schnell voranzukommen. Ich hatte noch niemanden, der sich über zu einfache Aufgaben beschwert hätte. Falls doch, hätte ich viele Ideen, wie man sich an einem Stück Herausforderungen suchen könnte.

Es macht für mich keinen Sinn, von den Schülern bzw. den Eltern mehr häusliche Übezeit einzufordern. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass jeder weiß, dass man mit dem täglichen Üben deutlich schneller lernt. Wer das nicht macht, hat sich entschieden langsamer zu lernen. Diese Entscheidung ist zu akzeptieren, da es weder Lernziele noch zeitliche Vorgaben dafür gibt. Ich sehe es nicht als eine Entscheidung, die gegen mich oder meine Interessen gerichtet wäre. Sicher ist es erstmal schwierig einzusehen, dass die eigene Mühe vergeblich ist, den Schüler auf einen erfolgreicheren Weg zu bringen. Man muss dann, wie man so schön sagt "loslassen" können.

Möglicherweise ist die Akzeptanz des Musiklernens ohne selbständiges Üben ein musikpädagogischer Tabubruch. Allerdings möchte ich ein Beispiel nennen, in dem es in ähnlicher Weise wie beim Gitarreneinzelunterricht zugeht und in dem selbständiges Üben nicht möglich ist: die Fahrstunden in der Fahrschule. Würden wir behaupten wollen, dass Autofahrenlernen bis zur Fahrprüfung nicht möglich ist, da man nicht vorher täglich selbständig üben kann? Die kognitiven Anforderungen beim Autofahren halte ich mit denen beim einfachen Musizieren vergleichbar. Es wäre vorstellbar, dass man Autofahren sogar mit weniger Fahrstunden lernen könnte, wenn man diese nur im wöchentlichen Abstand absolvieren würde. Der Zeitraum bis zur Prüfung wäre zwar länger, aber man bräuchte bestimmt weniger Stunden. Warum sollte das beim Musizieren nicht gehen?

Ein möglicher Grund für die Ablehnung des Übens mit "faulen" Schülern im Unterricht wäre, dass sich der Lehrer aufgrund seines Renommees und seines Könnens zu fein dafür ist. Zu recht, denn es wäre schade, wenn ein Star sein Wissen und Können nicht ausreichend weitergeben kann, weil er unpassende Kundschaft hat. Die Realität sieht für die meisten Gitarrenlehrer aber anders aus. Erstens sind die meisten keine Stars, zweitens gibt es für die meisten nicht genügend "fleißige" Schüler.   

Geht beim nicht übenden Schüler die Motivation verloren? Nein, denn er hat ja - wie oben geschildert - kaum Motivation, sonst würde er zu Hause üben. Es ist richtig, dass aus Erfolgserlebnissen neue Motivation wächst. Ein Erfolgserlebnis kann durch Üben erzielt werden. Auf diese Weise kann eine positive Spirale in Gang gesetzt werden: Üben führt zu Erfolgen und motiviert zum Üben. Den Eingang in diese Spirale kann man allerdings nicht erzwingen. Ich glaube daran, dass sich der "faule" Schüler absolut freiwillig in diesen Mechanismus begeben sollte. Für den Lehrer gibt es nur eine Möglichkeit, den Schüler relativ unbemerkt dahin anzustupsen: Das Üben im Unterricht. 




  


Komponierende künstliche Intelligenz

Neulich las ich einen Artikel auf ZeitOnline, in dem es um "Komposition durch künstliche Intelligenz" ging. "Beatles auf Knopfdruck" lautetet das Motto. Der Artikel enthielt nichts wirklich neues und las sich eher wie eine Werbung für eine Software, die neue Methoden zur Erstellung kompletter Songs anbietet. Die dazu geführte Diskussion war interessanter. Dort standen sich zwei Lager gegenüber. Die einen waren überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man künstliche Kompositionen von menschlichen nicht mehr unterscheiden kann. Die anderen waren der Überzeugung, dass das niemals passieren wird.

Die Frage, ob künstliche Intelligenz komponieren können wird, ist für mich ziemlich uninteressant. Sie wird es irgendwann können, oder auch nicht. Es ist einfach nur eine Spielerei, wie so manche Dinge, die uns als "unumgängliche" Digitalisierung verkauft werden. Es ist relativ überflüssig, dem Menschen mit dem Komponieren eine Sache abzunehmen, die ihm Spaß macht und die ihm ein Bedürfnis ist. Kaum einer braucht so einen Fortschritt, kaum einer will ihn. Weder die Musiker noch die Zuhörer. Für komponierende Software interessieren sich lediglich Menschen, die keine Musiker sind, es aber gerne wären. Falls diese Menschen erwarten, dass sie das Publikum täuschen können ... nun ja - ich würde sagen, dass die Märchenbücher voll von solchen allzumenschlichen Geschichten sind und am Ende die Wahrheit gewinnt.

Bei komponierender Software wird der Widersinn und die Janusköpfigkeit des vermeintlichen Fortschritts klar deutlich. In manch anderen Bereichen jedoch ist das erst auf den zweiten Blick erkennbar. Beispiel Navigationssoftware: Ja ... es gibt Menschen, die infolge ihres schlechten Orientierungssinns dringend ein Navigationssystem brauchen. Aber es gibt auch viele Menschen, die haben einen hervorragenden Orientierungssinn, sie können gut Karte lesen und haben ein gutes Gedächtnis für geometrische Figuren. Diese Menschen brauchen kein Navigationssystem und - was noch wichtiger ist: Sie haben Freude an ihren Fähigkeiten und sie freuen sich noch mehr, wenn sie mit diesen Fähigkeiten anderen helfen und sie führen können.  So komisch das auch klingt: Navigationssoftware nimmt ihnen eine Freude im Leben. Und noch mehr: Navigationssoftware raubt Stories. Viele lustige, spannende und schöne Erlebnisse entstehen durch die unterschiedlich verteilten Fähigkeiten in puncto Orientierungssinn. Ist es ein Glück, dass man niemanden mehr nach dem Weg fragen muss und dass man einem Fremden den Weg nicht mehr zeigen muss? Ist es ein Glück, dass man nicht mehr aus Versehen mal an einen anderen Ort kommt? Freuen sich andere Menschen wirklich darüber, dass man sich nicht verfahren hat oder freuen sie sich eher über lustige Geschichten von Menschen, die sich verfahren haben? Staunt man über den Besitzer eines Navigationssystems oder staunt man dann doch eher über einen Orientierungsgenie oder einen Gedächtniskünstler?

Solche Fragen stellen sich, je mehr wir von all diesen technischen Errungenschaften umgeben sind und je selbstverständlicher deren Besitz und Gebrauch geworden ist. Wir finden uns als Menschen in einer Welt wieder, die uns schrittweise zu entmündigen droht. Immer öfter heißt es: Das kann die Maschine besser als du. Dieser Satz erfüllt sich leider nicht nur dadurch, dass Maschinen wirklich immer besser werden, sondern auch dadurch, dass Menschen immer schlechter werden. Speziell dann, wenn man ihnen von Anfang an das Gefühl von Schwäche und Unfähigkeit vermittelt.

Viele (durchaus angenehme) Tätigkeiten werden im Dienste der technischen Weiterentwicklung als lästig oder zeitraubend erklärt, um sie dann von Maschinen erledigen zu lassen. Waren es zu Beginn der Technisierung durchaus noch nervtötende Tätigkeiten, die man gern der Maschine überließ, hat sich die Entwicklung allmählich verselbständigt. Mittlerweile, so scheint mir, raubt uns die Technisierung Lebensqualität unter dem Vorwand von Erleichterung und Zeitersparnis. Kompositionssoftware ist da ein Beispiel von vielen. Das autonome Autofahren ist ein ähnliches Beispiel. Es wird viel Geld in diese Entwicklung investiert, obwohl viele Menschen gern und gut Auto fahren und Verkehrsunfalltote ganz einfach durch Tempolimits  minimiert werden könnten. Mir scheint, dass mittlerweile im Zuge der sogenannten Digitalisierung vermehrt Lösungen für nicht existierende Probleme gesucht werden. Nerds möchten gern beweisen, dass autonomes Fahren möglich ist. Am Ende brauchen sie dafür auch eine Rechtfertigung. Und deshalb wird das Autofahren zu einer lästigen Tätigkeit erklärt, welche der Mensch zudem zu unvollkommen beherrscht. Die Lösung war vor dem eigentlichen Problem da.


Und welches Problem will künstlich intelligente Kompositionssoftware lösen? 
Ist es ein Problem, dass Laien keine eigene Musik schaffen können? Dauert Komponieren zu lang? Haben wir zu wenig Musik? Ist Musik zu teuer? Ist die existierende Musik zu schlecht? Jede einzelne Frage würde ich mit LOL beantworten (= lautes Lachen). Ich sehe kein zugrunde liegendes Problem. Ich will nicht sagen, dass es deshalb vollkommen sinnlos ist, an künstlicher Komposition zu forschen. Ich würde allerdings keinen Cent Wagniskapital in so eine Technologie investieren. Es lohnt sich nicht. Das wird in einer Freeware im Betastadium enden. Es ist Spielerei. Vielleicht ist es Fortschritt. Aber es macht einen Unterschied, ob Dinge lediglich fortschrittlich sind oder ob sie zudem auch noch vorteilhaft sind. Es wäre beispielsweise fortschrittlich und es wäre möglich, dass Menschen auf dem Mond leben würden. Solange das aber nicht vorteilhaft ist, wird es nicht passieren. Die eiskalte Logik des Kapitalismus sorgt wenigstens hier für Sachlichkeit. Und das wird noch viele andere Blütenträume der Digitalisierung treffen. Man wird schnell herausfinden, wo sich komplexe Technik lohnt und wo sie einfach nur Zeit, Geld und Nerven stielt, ohne irgendeinen Vorteil zu generieren. Man wird immer öfter überlegen, ob ein neues Gerät nützlich ist oder ob es nur ein Spielzeug ist, das bald in der Ecke steht, weil es uninteressant geworden ist. Für mich heißt Fortschritt auch: Entscheiden, wo Technik sinnvoll ist und wo nicht.


Beim Songwriting, beim Arrangieren und Produzieren habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Maschine nur dann nützlich ist, wenn man sie zum Sklaven macht und wenn man sich von ihr nicht reinreden lässt. Sobald man der Maschine Entscheidungen überlässt - z.B. durch randomisierte oder undurchsichtige Prozesse, verliert man die Gestaltungshoheit und wird vom Schöpfer zum passiven Zuhörer. Die eigene Intuition ist wesentlich sicherer und zielführender als der Vorschlag der Maschine. Je komplexer die Algorithmen der Maschine sind (z.B. eines Synthesizers), desto schwieriger wird der Eingriff des Gestalters. Man macht sich schnell abhängig von vorgestanzten Mustern (Presets). Gegen eine Inspiration durch vorgefertigte Bestandteile habe ich nichts einzuwenden. Nur habe ich halt die Erfahrung gemacht, dass mir die Arbeit leichter und schneller von der Hand geht, wenn ich jedes Detail der Prozesse verstehe und nach meinem Willen beeinflussen kann. Die Maschine ist nur so gut wie der Mensch, der davor sitzt. Sie macht letztlich keine Geschenke in Form von Resultaten.

Eine komponierende Software spart keine Zeit. Sie stiehlt Zeit, indem man sich in der Auswahl ihrer unzähligen Vorschläge verliert anstatt sich zu fragen, was man eigentlich selber will. Der Ausdrucks- und Gestaltungswillen bleibt der Kern des Werks und er kommt von innen. Manchmal kann sich ein Wille in Form des Spielens/Improvisierens Bahn brechen. Durch bloße Auswahl von Vorschlägen entsteht kein Kunstwerk, zumindest kein gutes oder zumindest kein so gutes, wie es ein konventionell vorgehender Künstler schaffen kann. Computer und Software hat sich für Kunstschaffende bewährt, weil sie die Möglichkeiten des Kreativen erweitert. Wenn sie selber Kreativität übernehmen will, wird sie für den Kreativen nutzlos. Dem Unkreativen wird es vermutlich an Überzeugung fehlen, eine künstliche Komposition als sein Werk auszugeben. Und sollte er es dennoch wagen, wird er ganz schnell in jene Fallstricke geraten, die ja schon Kreativen zum Verhängnis werden, die nicht voll und ganz hinter ihrer Sache stehen.
Künstler, die von einer Sache etwas verstehen, haben keine Angst in Konkurrenz mit der Maschine zu treten. Es sind keine Schachspieler, die sich an Regeln halten müssen. Die Regeln werden von ihrer Fantasie bestimmt und die Maschine läuft ihnen hinterher. Die Maschine komponiert bestenfalls morgen so wie der Komponist von heute.



Die Geburt der Musik aus dem Geiste der Gemeinschaft

Ich behaupte, dass die Musik aus der rhythmischen Bewegung heraus entstanden ist. Und zwar aus der gemeinschaftlichen synchronisierten Bewegung. Beim Hören von Musik verstehen wir uns als Teil einer Gemeinschaft, die sich selbst vermittels organisiertem Klang vergegenwärtigt.

Wie ist die menschliche Musik entstanden? Darüber haben sich bestimmt schon viele Gelehrte den Kopf zerbrochen und sind zu mannigfaltigen Resultaten gelangt, die ich größtenteils nicht kenne. Sicher gibt es irgendeine halbwegs anerkannte wissenschaftliche These, aber ich mache mir jetzt nicht die Mühe, etwas darüber herauszufinden. Ich stelle Ihnen meine Version vor. Die Richtigkeit meiner Idee ist zweitrangig. Mir geht es eher um die Wirksamkeit der Idee in der Herangehensweise an Musik.
Was ist Musik überhaupt? Das allumfassend klären zu wollen, ist mühsam. Was darf man mindestens als Musik bezeichnen und was kann man nicht mehr als Musik bezeichnen?  Wo setzt man die Prioritäten? Beim Klang, bei der Bewegung oder beim Ausdruck?
Ich definiere für mich zunächst, dass Musik etwas rein menschliches ist und in der Natur nicht vorkommt. Mag sein, dass man einen Vogelruf mit Musik vergleichen kann oder dass sich in der Natur Schwingungen, Rhythmen und Harmonien nachweisen lassen. Letztlich findet aber Musik in unserem Kopf statt, nachdem Schall als Musik eingeordnet wurde. Und meine Meinung ist, dass sich das Hören von Musik bzw. das Einordnen als Musik auf zwei menschlichen Fähigkeiten gründet: Bewegung und Stimme. Der Bewegung kommt dabei der gründende Charakter zu. Musik hat etwas mit Zeit zu tun. Metren, Rhythmen und Klänge sind letztlich Schwingungen. Schwingungen basieren auf Zeiträumen. Als der Mensch begann, sich zweibeinig fortzubewegen, wurde aus seinem gleichmäßigen Gang eine Frequenz. Das Ticken einer inneren Uhr. Ein Zweiertakt. Von da an war es nicht mehr weit zum Gleichschritt im Sinne des Tanzes. Das Einschwingen in eine Frequenz wird unterstützt durch Klänge, so wie z.B. die Trommel beim Drachenbootrennen die Ruderschläge synchronisiert. 
Die Musik ist geboren aus dem Bestreben, gemeinschaftliche Bewegung zu synchronisieren. Nicht das Bedürfnis nach Klang bringt den Menschen zur Musik sondern das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Nach Gleichklang mit anderen. Was daraus folgt, ist eine reichhaltige Entwicklung von immer neuen Varianten auf dem Metrum. Das gleichmäßige Ausstoßen von Lauten. Borduntöne, Harmonien und schließlich Melodien. Der Klang an sich ist Nebensache. Musik ist ursächlich weder Harmonie noch Melodie. Musik ist synchronisierte Bewegung. Das gemeinsame Schwingen in einer Frequenz. Das Metrum ist der kleinste gemeinsame Nenner des Tanzes.
Die Entwicklung der europäischen Kunstmusik hat uns ein wenig auf den Holzpfad geschickt, was die Herangehensweise an Musik angeht. Die E-Musik hat einen sakralen Ursprung in einer mittelalterlichen, von Endzeitstimmung geprägten Weltsicht. Tanzen passt dazu nicht. Eher Sitzen und Hören, Ergriffen sein usw.. Hinzukommt der Geniekult, der spätestens in der Romantik den Schöpfer des Werkes und den virtuosen Interpreten in den Mittelpunkt stellt. Diese Form der Musik ist der Sonderfall, nicht der Normalfall. Wer seine Musikpädagogik auf dem Irrtum gründet, dass Musik etwas künstlerisches, schwieriges, elitäres, würdevolles ist, der wird ein unmusikalisches Fußvolk erziehen, das sich von hochentwickelten Formen der Musik mehr und mehr abwendet. Es gibt Musik, bei der klatscht man mit und es gibt Musik, bei der klatscht man danach. Die letztere ist ein Sonderfall, das will ich ausdrücklich sagen, ohne es zu werten.
Die Musik ist aus dem gemeinsamen Tun entstanden, nicht aus der inneren Wahrnehmung des einzelnen. Bei der Musik wird ein Klang unter dem Aspekt des Mit-Tuns reflektiert. Des Mitsingens, des Mitschwingens und im Falle der großen sinfonischen Klänge auch des Mitfühlens. Die Kunstmusik basiert letztlich auf einer starken im Volk verbreiteten Musikalität, die definitiv von gemeinsamer musikalischer Aktivität und nicht vom vielen Zuhören oder vom Üben der Einzelnen getragen wird.
Eine wirksame Musikpädagogik muss meiner Meinung nach genau den Grundcharakter der Musik - die Gemeinsamkeit (das Konzertieren) - in den Mittelpunkt stellen. Wo es nur geht, muss der Lehrer mitspielen. "Solo" geht erst, wenn "Gemeinsam" klappt. Ein frei zu handhabendes Metrum funktioniert erst, wenn ein konstantes Metrum inklusive Takt funktioniert.