Bewegungsprogramm vor Klangvorstellung

Die Klangvorstellung gilt gemeinhin als Vorbedingung der Klangerzeugung. Das ist für den gestandenen Musiker richtig. Für den Lernenden gilt jedoch meiner Meinung nach genau das Gegenteil. Seine klangliche Intuition und sein Wunsch nach schneller Befriedigung der Klangvorstellung behindern das Erlernen der richtigen Bewegungsprogramme. 

Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Anfänger unterrichtet. Die meisten verfügten über wenig musikalische Vorbildung und durchschnittliche natürliche Grundbegabung, was Rhythmik, Gehör, Motorik, Leidenschaft usw. angeht. Das fordert von mir eine relativ mühsame und geduldige Arbeit, aber es verschafft tiefe Einblicke in die Grundlagen des Musizierens. 

Es kann sein, dass ich hier etwas wiederhole, das in Fachkreisen längst bekannt ist: Erstens ist mir der gravierende Unterschied zwischen Klangvorstellung und Bewegungsprogramm aufgefallen. Zweitens habe ich entdeckt, dass die Klangvorstellung - entgegen dem, was man vermuten könnte - nicht am Beginn des Musizierens stehen sollte, sondern das Bewegungsprogramm. 
Mit Bewegungsprogramm meine ich den zeitlich korrekten Ablauf von Spielbewegungen. Das Bewegungsprogramm muss komplett vom Schüler verstanden sein, was häufig mit dem Notenlesen einhergeht. Dann wird es in einem ersten, langsamen Tempo umgesetzt - vom Blatt prima vista. Dann wird es durch eine größere Anzahl richtiger Wiederholungen gefestigt und automatisiert. Erst nach der Automatisierung kann sich nun die Klangvorstellung entwickeln. 

Entgegen der Klangvorstellung, die beim Schüler durch das Hören eines durch den Lehrer gezeigten Klangs entsteht, ist die auf dem eigenen gelernten Bewegungsprogramms basierende Klangvorstellung eine fundierte und gesicherte. Sie führt dann umgedreht tatsächlich zur "guten" Musik, die darauf basiert, dass eine Klangvorstellung zu jener Bewegung führt, die den Klang exakt wiedergibt. Mit anderen Worten: Wir lernen durch die Programmierung von Bewegungen besser, schneller und richtiger als durch Imitation. Insofern kann eine imitatorische Begabung, ein gutes klangliches bzw. rhythmisches Gedächtnis und auch eine Bewegungsbegabung regelrecht hinderlich sein, sich auf dem Instrument wirklich zu verbessern. 

Ich denke dabei auch an den Typ: musikantischer Autodidakt. Mit musikalisch begeisterten Autodidakten, die sich schon etwas selbst beigebracht haben, habe ich aufgrund des oben genannten Umstands oft Probleme. Ihre Klangvorstellung hindert sie daran, das richtige Bewegungsprogramm zu verstehen und langsam einzuprogrammieren. Vielmehr versuchen sie, mit ihren beschränkten spielerischen Mitteln einen Klang zu imitieren, den sie entweder im Kopf haben oder den sie durch ein Hörbeispiel vermittelt bekommen haben. So haben sie bisher halt immer gelernt. 

Langsame Bewegungsprogramme haben mit Musik und Klang fast nichts zu tun. Sie sind eine Art  Achtsamkeitsübung, also für viele eine reine Geduldsprobe. Eingedenk der nötigen Wiederholungen im zeitlichen Abstand auch noch ein Akt der Disziplin und des Willens. Nichts für leidenschaftliche Eiferer. Das alles zahlt sich aber doppelt und dreifach aus, was die Schüler aber erst nach einer Weile mitbekommen. 

Es ergeben sich noch ein paar weitere Schlussfolgerungen aus der Erkenntnis, dass das Bewegungsprogramm die Grundlage des Musikmachens ist und nicht die Klangvorstellung. Rhythmenklopfen beispielsweise ist überflüssig, weil der Rhythmus am Ende im instrumentenspezifischen Bewegungsprogramm verankert ist. Das Singen von Melodien, bevor man sie spielt, ebenfalls. Es bringt rein gar nichts, denn das Gehirn kann nicht gleichzeitig eine Melodie reproduzieren und sich auf die Bewegungsabfolge konzentrieren. Dies würde nur gehen, wenn die Bewegungsabfolge schon fest automatisiert ist. Und genau das ist beim Schüler oft nicht der Fall. 

Wenn bekannte Lieder gespielt werden, ist die existierende Klangvorstellung hinderlich für das richtige Notenlesen, manchmal auch für rhythmische Exaktheit (Noten- bzw. Taktlängen) und für technische Details (Fingersätze). Der gefühlte Klang dominiert und die Folge sind häufig Fehler, die nur unter Frust zu beseitigen sind. Unter Frust deswegen, weil die Befriedigung der Klangvorstellung schon eingesetzt hat und es kaum noch Motivation zur Verbesserung führt. 
Die Klangvorstellung erstmal auszublenden, heißt, deren vorschnelle Befriedigung zu verhindern. Einen bestimmten Klang nicht sofort zu erreichen, mag unbefriedigend und auf Dauer demotivierend sein. Eine schnelle Klangbefriedigung zu erreichen, die auf falschen bzw. ungünstigen Bewegungsabläufen basiert, ist demgegenüber aber eine Todsünde bezogen auf die Weiterentwicklung. Man erkauft einen schnellen Sieg mit schweren Niederlagen in der Zukunft. 

Bei echten Anfängern hat man die Möglichkeit, von Anfang an die Erfüllung der Klangvorstellung an das Lernen der richtigen Bewegungen zu koppeln. Das erfordert allerdings ein darauf abzielendes Konzept. Der jeweilige musikalische Gegenstand muss so beschaffen sein, dass der Schüler in angemessener Zeit vom Bewegungsprogramm zur Klangvorstellung gelangt. Er muss durch die Klarheit und die erkennbare Struktur der Musik von seinem Wunsch nach Klangbefriedigung abgehalten werden. Das ist gar kein Problem, wenn man sich vorstellt, dass es hier maximal um 1-2 Wochen geht, im Vergleich zu den Jahren vorher, in denen er diesen Wunsch auch nicht befriedigen konnte. Der Schüler darf es gar nicht erst anders kennen lernen. 

Zuerst also die rein verstandesmäßige Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, dann die Programmierung und das Wiederholen, dann schließlich die Klangvorstellung und deren Befriedigung. Das Ergebnis soll ein Schüler sein, der auf der Basis all seiner eingeübten Bewegungsprogramme beginnt zu musizieren. 

Vorsicht vor dem lehrenden Musiker

Ein ambitionierter oder ein erfolgreicher Musiker, der lehrt, wird über kurz oder lang feststellen, dass ein auf seinen Lernerfahrungen gestütztes Lehrkonzept bei den wenigsten funktioniert. Er überfordert den Durchschnittsschüler. Und das hat die Folge, dass dieser weniger Nutzen aus dem Unterricht zieht, als wenn er beispielsweise von einem Gitarre spielenden Ergotherapeuten unterrichtet werden würde.  

An meine ersten Jahre des Unterrichtens nach dem Studium denke ich mit Grauen zurück. Nicht dass ich mich damals schlecht gefühlt hätte. OK, kaum einer unterrichtet gern Vollzeit. Jeder träumt davon, eines Tages auf der Bühne mit der Musik seines Herzens Geld zu verdienen - klar. Nein, das Gefühl mit einer sinnvollen Tätigkeit relativ frei ein erstes Gehalt zu erarbeiten, war gar nicht so schlecht. Das Grauen schleicht sich heute ein, wenn ich mich in die Schüler von damals hinein versetze. 

Ein frisch gebackener Absolvent steht in gewisser Weise im Zenit, was seine Energie im eigenen musikalischen Schaffen angeht. Vermutlich wird er nie wieder im Leben so hart an sich arbeiten wie während des Studiums. Ein solches Energiebündel wird nun auf die Schüler losgelassen. Freilich gibt es eine pädagogische Ausbildung, die ich in meinem Fall in Bezug auf die Gitarre auch als hervorragend bezeichnen würde - ich nenne jetzt ausdrücklich den Namen Frank Hill. 
Auf was man aber nicht wirklich vorbereitet sein kann, ist die allmähliche Erfahrung des himmelschreienden Unterschieds der musikalischen Ambitionen des jungen Lehrers und der des Schülers. Meine erste Schülerin hätte ich bezogen auf das Lerntempo als durchschnittlich bis schlecht eingestuft. Nach etlichen weiteren Schülern jedoch stellte sie sich als die beste von allen heraus. Meine Vorstellung vom "Durchschnitt" war also total falsch. 

Wer Profimusiker wird, muss davon ausgehen, dass fast alle seine Schüler völlig anders sind als er, denn fast alle werden keine Profimusiker. Deswegen scheinen sie ihm überdurchschnittlich schlecht zu sein. Er braucht ein paar Jahre, um den Schnitt zu finden und vermutlich noch ein paar weitere um sich wirklich darauf einzustellen. Es braucht seine Zeit zu begreifen, dass die Schüler nicht im geringsten solche Ambitionen zur Musik haben wie er selbst und dass sie diese auch nie entwickeln werden, egal wie sehr man sich bemüht. 

Eine Mutter erzieht die Tochter in etwa so, dass sie selber wieder Mutter wird und ihre Tochter ebenfalls zur Mutter erzieht usw.. Der unterrichtende Profimusiker allerdings erzieht Amateure.

Jungen angehenden Lehrern, - egal ob sie vom Studium kommen oder sich als gestandene Amateure zum Gitarrenlehrer hin entwickeln wollen - passiert es erst einmal, dass sie einen viel zu hohen Anspruch an die Leistung und das Interesse des Schülers haben. Das merkt er am Anfang gar nicht, weil der Schüler ihm - dem frischen, sympathischen Lehrer und seinem pädagogischen Elan - vertraut und sich redlich bemüht. Doch nach einer Weile stellt er fest, dass der versprochene Weg einfach nicht funktioniert. Das Lehrbuch, das sein Lehrer damals in einem Jahr durchgespielt hat, hat  200 Seiten. Der Schüler aber ist nach einem Jahr auf Seite 15 und kann sich den Rest ausrechnen. 
Bis der junge Lehrer sich angepasst hat, vergehen wie gesagt ein paar Jahre - die Art der Anpassung reicht hier von revolutionären eigenen Unterrichtskonzepten bis hin zur emotionalen Totalverweigerung am Job - oder Quatschen statt Unterrichten. 


Ich muss schmunzeln, wenn ich auf Youtube multimedial fitte Gitarristen sehe, die eigene Lehrvideos hochladen - speziell im Segment: Anfänger. Wenn die ihre 1000 Abonnenten beobachten könnten, würden sie merken, welche krassen methodischen und didaktischen Fehler ihnen unterlaufen sind und welche klassischen Probleme sich dadurch bei vielen Anwendern über kurz oder lang einstellen.  Desweiteren die illusorischen Vorstellungen von Zeiträumen, in denen Dinge wirklich als gefestigt und gelernt betrachtet werden: "Hallo, gestern habt ihr die Akkorde D, G und A kennengelernt. Heute wollen wir  uns mit dem Fingerpicking beschäftigen."
Es hängt auch damit zusammen, dass sie sich als ihre eigenen Schüler vorstellen, dabei aber vergessen, dass sie selber wohl eher die Ausnahme sind. Sich selbst als Schüler vorzustellen, ist ja ein guter Weg zu sauberer Didaktik. Aber welche fantastischen Fehler und welche tollen Missverständnisse es in der Praxis gibt, kann man sich wirklich nicht an sich selbst vorstellen. Das ist eine Welt für sich, die man erst bei 50 Schülern plus mitbekommt. 

Und da sind wir direkt bei der nächsten Sache, die einem Lehrer mit Elan passieren kann: das Enzyklopädie-Konzept. Man entwirft solche Konzepte meist dann, wenn man in seinem eigenen riesigen Fundus Ordnung schaffen will. Das was der Schüler am meisten will und braucht, wird in einem riesigen Karton mit jeder Menge Beipack geliefert. Das haben die Werke so an sich, mit denen man sich selbst eine Ordnung an Techniken, Übungen und Begriffen geschaffen hat, und von denen man glaubt, sie würden den Schüler genauso erfreuen wie einen selbst. Der Schüler allerdings wird von der Enzyklopädie erschlagen, weil er nicht im Ansatz über die musikalische Erfahrung verfügt, die das vom Profi gewählte Maß an Genauigkeit und Vollkommenheit  rechtfertigen würde.

Für mich hat Lehren mit dem, was ich als Musiker bin oder mache, erstmal nichts zu tun. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Musikersein eine Kontraindikation für Lehrersein ist. In der Not frisst der Teufel aber Fliegen und man ist als Musiker dann doch lieber Gitarrenlehrer als Kellner. 
Die häufigsten Worte, die ich im Unterricht verwende sind: Eins, Zwei, Drei und Vier. Ergotherapeut - Spezialrichtung zeitgebundene Feinmotorik wäre die treffende Berufsbezeichnung. Es hat mit dem, was ich mal studiert habe, nichts zu tun, außer dass ich damals etwas über die physiologischen Zusammenhänge beim Gitarrenspiel erfahren habe, auf das ich vermutlich nie gekommen wäre - egal wie lange und wie gut ich ohne Studium Gitarre gespielt hätte.  
Das hilft, die immergleichen Probleme zu analysieren und zu lösen und intelligente Wege zu suchen, die dem Schüler das Lernen so leicht und erfolgreich wie möglich machen. Wie ein Therapeut eben. Aber nicht wie ein Musiker, der glaubt, dass sich seine Fähigkeiten auf den Schüler übertragen, so wie etwa das Kind das Sprechen durch das Nachahmen der Eltern lernt. Das funktioniert einfach nicht, dazu ist der Unterschied zwischen einem unterrichtenden Musiker und einem ganz normalen Schüler viel zu groß.   

MMM - die 3 M für den guten Gitarrenlehrer


Was macht einen guten Gitarrenlehrer aus? Für mich stehen hier 3 M. Das erste M für den Menschen, das zweite M für den Musiker und das dritte M für den Musikpädagogen.  

Bildung ist keine reine Lernstoffvermittlung. Wenn Politiker oder Unternehmer von Bildung sprechen, meinen sie meistens die Qualifikation zu bestimmter geldwerter Tätigkeit. Bildung kommt jedoch nicht ohne Erziehung und ohne Beziehung aus. Der privat tätige Musiklehrer wird als Bildungsdienstleister wahrgenommen. Von ihm würde man am wenigsten eine persönliche Beziehung zu seinen Schülern erwarten, weit weniger als z.B. von einem Schullehrer mit staatlichem Bildungsauftrag. 

Ich denke aber, dass das erste M, das für Mensch steht, von den Schülern am meisten nachgefragt wird. Gerade weil der meiste Instrumentalunterricht im Einzelunterricht stattfindet, sucht man nach einem sympathischen, umgänglichen und freundlichen Lehrer. Wenn er überdies noch unterhaltsam und humorvoll ist, braucht er in der Probestunde die Gitarre gar nicht raus zu holen - es ist dem Schüler nämlich erstmal egal, wie gut der sympathische Lehrer spielen kann. Er möchte sich wohl und entspannt fühlen. Viele Schüler sind am Beginn der Ausbildung sehr unsicher, ob sie denn wirklich zum Gitarrelernen geeignet sind, ob das was für sie ist usw.. Eine entspannte Atmosphäre befreit sie ein Stück weit von diesem Druck. 

Erst in zweiter Instanz interessiert sich ein Schüler für die Qualifikation des Lehrers. Und diese macht er als erstes an dem fest, was er vom Lehrer hört - das M für den Musiker. Hier fliegen dem Musikanten die Herzen des Publikums zu. Nicht dem selbstverliebten Virtuosen. Wenige Töne reichen auch dem Laien aus, um zu hören, ob da ein Profi am Werk ist oder nicht. Ein ganz normaler Schüler hat kaum die Gelegenheit, einem halbwegs guten Gitarristen zuzuhören und ist deswegen relativ leicht zu beeindrucken. Ein Musikant wirkt einladend und motivierend. Er kann den Spaß an der Musik vermitteln und lenkt ab von dem Ernst, der den Schüler eh viel mehr beschäftigt als den Lehrer. Auch hier bevorzugen die Schüler also das krampflösende Mittel - den singenden Alleinunterhalter, den Spaßmacher, den Praktiker. Der bierernste Gitarre-ist-schwer-und-brotlos-Musikpädagoge hat es da schwerer. 

Wovon der Schüler überhaupt keine Ahnung haben kann, ist die Musikpädagogik. Die Wirksamkeit der Mittel des Lehrers ist reine Vertrauenssache, die sich dummerweise aus den ersten beiden M's von selber ergibt. Das ist sicher bisschen schade, denn ich persönlich halte die Langzeit-Erfahrung mit möglichst vielen Schülern für einen ganz wesentlichen Faktor der Professionalisierung und demzufolge das letzte M (für Musikpädagoge) als das für den Schüler wertvollste. Wenngleich es der Schüler kaum einschätzen und vergleichen kann. Ein introvertierter, musikalisch hölzerner Typ kann mit den richtigen Methoden ein richtig guter Lehrer sein. 
Stellen Sie sich einen Arzt vor, der als Mensch schrecklich ist, der aber eine Therapie hat, die sie gesund macht. Gerade bei Medizinern möchte man meinen, dass Sympathie und Kompetenz miteinander verbunden sind. Genauso aber kann Inkompetenz mit menschlich anziehenden Qualitäten getarnt werden, oder auch Geschäftsgebaren mit außerordentlicher Freundlichkeit usw.. 

Alle drei M's gehören zusammen, sie werden nur vom Schüler in entgegengesetzter Reihenfolge bewertet wie vom Gutachter. 
Ein Schüler kann sich in 3 Jahren Gitarrenunterricht richtig wohl fühlen und dann feststellen, dass er trotz Sympathie zu einem guten Musiker nicht weit gekommen ist. Oder noch viel häufiger und schlimmer: Gewisse Mängel und Fehler in der Musikpädagogik seines Lehrers kann er nicht erkennen, und sucht die Schuld bei sich ("Ich bin untalentiert"). Oder der sympathische Lehrer forciert am Ende Frust ("Du musst mehr üben"). Umgekehrt kann sich ein anfangs etwas anstrengendes Verhältnis zum Lehrer stetig mit dem Erfolg und dem Spaß am Können verbessern. 

Ich habe mal gelesen, dass das Verhältnis zum Psychotherapeuten der wichtigste Faktor für den Erfolg der Therapie ist. Im gleichen Artikel allerdings las ich, dass die Wirkung bestimmter Therapien und Ansätze nicht nachgewiesen werden konnte. Ein passender Therapeut kann am Ende also mit einer unpassenden Therapie genauso erfolgreich sein wie ein unpassender Therapeut mit einer passenden Therapie. So in etwa scheint es auch im Gitarrenunterricht zu sein. Ein Placebo-Effekt sozusagen, der entsteht, wenn sich der Schüler mit Hilfe der entsprechenden menschlichen Anregung selber über die mangelnde Wirksamkeit des Lehrerkonzeptes hinweg hilft. 
Am Ende scheinen also in der Praxis alle M's das gleiche Gewicht zu haben.


Unterrichtsausfall seitens des Schülers - Teil 2

Die Frage, ob Unterricht nachgeholt wird, der wegen des Schülers ausfällt, beantworte ich mit Nein und habe bereits zwei Argumente geliefert: Erstens ist es organisatorisch nicht machbar, zweitens basiert das Organisationsmodell des Instrumentallehrers auf einem langfristigen Wochen-Stundenplan, nicht auf der zeitlich flexiblen Ableistung von einzeln gekauften Stunden. 

Ein weiterer ganz spezieller Umstand verleitet dazu, die Gitarrenstunde als individuelle Dienstleistung zu betrachten, nämlich, dass sie häufig als Einzelunterricht stattfindet. Zum Gitarrenlehrer zu gehen, erscheint so ähnlich wie zum Frisör zu gehen. Dass Einzelunterricht häufiger ist, hat viele Gründe, die man woanders besprechen kann. Es ist ein Fakt. 

Sobald der Unterricht aber in einer Gruppe stattfindet, erübrigt sich eigentlich die Frage, ob Unterricht nachgeholt wird. Kaum jemand käme auf die Idee, dass ein Lehrer in der allgemeinbildenden Schule eine Stunde zweimal hält, weil jemand gefehlt hat. Aber vom Organisationsmodell des Lehrers her macht es kaum einen Unterschied, ob er seinen Unterricht als Einzelunterricht oder Gruppenunterricht hält. Er benötigt auf jeden Fall einen Stundenplan als Grundlage seiner Arbeitszeitstruktur.

Zum Vergleich: Für einen Taxifahrer macht es kaum einen Unterschied, wie viele Leute im Auto sitzen, der Arbeits- und Zeitaufwand ist in etwa der gleiche. Wenn in einer Zweier-Unterrichtsgruppe ein Schüler fehlt, findet der Unterricht für den anderen trotzdem statt. Genauso hält sich ein Bus auch an den Fahrplan, wenn nur einer oder gar keiner drin sitzt. Der fehlende Schüler wird kein Nachholen verlangen, und vielleicht denkt er richtigerweise, dass es auch einmal andersherum sein kann: Er erhält Einzelunterricht, weil der andere fehlt. 

Fehlen aber beide, dann scheint es plötzlich legitim, ein Nachholen der Stunde zu fordern. Warum eigentlich? Der Nachteil ist für den einzelnen nicht dadurch größer geworden, dass der andere auch nicht konnte. Offenbar reicht allein die Vorstellung, dass der Lehrer nun keine Leistung erbracht hat, um die Forderung auf komplette Nachleistung  zu erheben. Die Dinge dürfen also nicht verdreht werden. Es stellt sich nicht die Frage, ob der Lehrer die Leistung vollbracht hat, wenn ein Schüler nicht an der Unterrichtsstunde teilnehmen konnte. Egal aus welchen Gründen. Die Leistung, die ein Musikpädagoge aufgrund seiner berufsspezifischen Organisationsform nur erbringen kann, ist die, dass er den Unterricht zu einem festgesetzten Termin anbietet. 

Wenn ein Schüler Einzelstunden sozusagen wie Beratungstermine kaufen möchte, darf kein Unterrichtsvertrag abgeschlossen werden. Diese Organisationsform wird ein Vollzeitlehrer kaum anbieten, es sei denn er kalkuliert im Preis der Einzelstunde das Ausfallrisiko bzw. die sich verringernde Arbeitsdichte ein, so wie sie z.B. der Taxifahrer hat. Das Honorar im Unterrichtsvertrag basiert jedoch auf einem Stundenplanmodell. Es ist ein bezahltes Abonnement auf Termine, an denen man zum Unterricht kommen kann.

Anderer Gedanke:
Wie verhält sich das eigentlich, wenn ein Schüler im Einzelunterricht zu spät kommt? Verlangt er dann, dass der nicht gehaltene Teil der Stunde nachgeholt wird? Die Frage ist aus zwei Gründen interessant.

Es macht nämlich erstens einen Unterschied, ob dieser Schüler innerhalb eines Stundenplans zum (Vollzeit-)Lehrer kommt, und der nächste Schüler immer schon an der Tür auf seinen Unterrichtsbeginn wartet, oder ob der Lehrer eben nur so ein paar Stunden bei sich zu Hause gibt (privat) und dann halt paar Minuten länger macht, weil danach eh niemand kommt. Würde ein Frisör die Frisur nicht ganz fertig schneiden, weil der Kunde zu spät kam? Nein - denn sein Organisationsmodell basiert im Gegensatz zum Gitarrenlehrer auf abgeschlossenen Einzelleistungen, die er innerhalb einer festgelegten Öffnungszeit terminiert.

Der zweite Aspekt ist, dass das Nichterscheinen am Ende nur eine Steigerungsform des Zuspätkommens ist. Kommt der Schüler so spät, dass die Stunde abgelaufen ist, ist die Ausfallsituation die gleiche, wie wenn er von vornherein gar nicht gekommen wäre. Seine Stunde wurde gehalten, ohne dass er anwesend war. Wie der Lehrer eine Stunde abhält, bei der kein Schüler anwesend ist, ist seine Sache und nicht Vertragsgegenstand.

An einigen Musikschulen gilt die Regel, dass Stunden nachgegeben werden müssen, wenn sie rechtzeitig - meist 24 Stunden vorher - abgesagt werden. Diese Regelung scheint nahezulegen, dass der Lehrer die Ausfallzeit mittelfristig in Arbeitszeit oder Freizeit umorganisieren könnte und daher einen Zeitgewinn hat, den er durch Ableistung der Stunde zu einem späteren Zeitpunkt ausgleicht. Im Einzelfall mag das gehen, auf jeden Fall dann, wenn der Schüler erster oder letzter Schüler im Stundenplan des Lehrers ist. In der Praxis jedoch ist die Regel, dass der Lehrer anwesend ist und Zeit absitzt, die er nicht mit geldwerten Tätigkeiten oder mit echter arbeitsfreier Zeit verbringen kann. 

Musikschulen scheuen sich, ihren Kunden zu sagen, dass das Nachholen von Unterricht kein vertraglich entstandener Anspruch sein kann. Private Lehrer auch. Man mogelt sich durch, misst mit zweierlei Maß (manches wird nachgeholt, anderes nicht), erfindet irgendwelche kniffligen Regeln.

Allerdings scheuen sich viele Musikschulen nicht, mit dem Musikpädagogen zu vereinbaren, dass nur tatsächlich gehaltene Stunden honoriert werden. Dabei müssten die Besitzer und Direktoren (meist selbst Lehrer) genau wissen, dass das Nachholen von Unterricht, zu dem der Schüler nicht erschien, ein zeitlicher Mehraufwand ist, der am Ende allein von den Lehrern erwirtschaftet wird. Interessant ist nämlich, dass eine Musikschule nicht gehaltene und demzufolge nicht honorierte Stunden in den allermeisten Fällen nicht an den Schüler zurückzahlt. Im Falle, dass die Stunden nicht nachgeholt werden, sind die Inhaber am Ende also die doppelten Gewinner. Es gibt sogar Musikschulen, deren Regeln darauf abzielen, das Nachholen von Unterricht zu erschweren, um das Honorar des Lehrers bei Ausfall komplett zu kassieren.  Das ist eine Frechheit. 

Nun denn. Nur selbstbewusste Profis oder renommierte Musikschulen, denen es an Zulauf nicht mangelt, werden den Mut zur einzig vernünftigen Regelung finden, nämlich, dass ausgefallener Unterricht nur nachgeholt wird, wenn er vom Lehrer bzw. der Musikschule verursacht wird. 
Da der Bereich der Musikpädagogik zu großen Teilen auf prekärer Beschäftigung basiert, wird es weiterhin einen Unterbietungswettbewerb geben - billiger, kundenfreundlicher, individueller. 
Die Qualität der Ausbildung leidet darunter, denn nur ein gut bezahlter Profi mit viel Erfahrung kann leisten, was manch anderer nur verspricht. Wenn nach 2 Jahren mit minimalem Erfolg der Dumping-Unterricht beim Semiprofi abgebrochen wird, dann sind ein paar Hundert Euro und wertvolle Zeit verloren. 

Der Erfolg, und damit die Leistung, die der Kunde haben will, hängt nicht in erster Linie von der am Ende geleisteten Unterrichtszeit ab. In erster Linie hängt es von seiner Mitarbeit ab, die wiederum, und das schrieb ich im Artikel "Der Instrumentalleher ...", nicht erzwungen werden kann sondern nur von einem guten Lehrer herausgekitzelt werden kann. "Gut" geht in diesem Zusammenhang nicht ohne gute Konditionen.

Und ganz am Schluss möchte ich bemerken, dass die Fehlzeiten von Schülern umso geringer werden, je mehr ihnen der Unterricht und das Lernen Spaß macht.


Unterrichtsausfall seitens des Schülers

Muss Unterricht nachgeholt werden, der wegen der Verhinderung des Schülers nicht zum geplanten Termin stattfinden konnte? Eine vieldiskutierte Frage, die oft nicht wirklich geklärt sondern irgendwo zwischen Vertrag, Lehrer und Schüler irgendwie gehandhabt wird. Kaum jemand spricht klar und deutlich aus, was ich mit Argumenten belege: Unterrichtsausfall seitens des Schülers wird nicht nachgeholt. 

Schätzungsweise 3 Stunden im Jahr müssen pro Schüler verlegt werden, weil der Lehrer für den Ausfall verantwortlich ist. Häufiger als der Lehrer ist jedoch der Schüler verhindert. Die Gründe sind hier meist anders gelagert, das liegt allein schon daran, dass Gitarrenunterricht für den Schüler keine Arbeit ist wie für den Lehrer. Die häufigsten Gründe aus meiner Erfahrung sind bei Kindern: Krankheit, Schulveranstaltung/Ausflug, Kindergeburtstag und bei Erwachsenen: Arbeit, Krankheit, Urlaub/Semesterpause, privates. Meine Erfahrung sagt, dass im Schnitt ungefähr 5 Stunden im Jahr pro Schüler von ihm abgesagt werden. Bei einzelnen Schülern ist die Zahl deutlich höher, andere kommen fast immer.

Im Artikel "Unterrichtsausfall seitens Lehrer" habe ich bereits festgestellt, dass das Nachholen dieser Stunden am Ende organisatorisch kaum möglich ist. Dennoch zeigt mir meine Erfahrung, dass Musikschulen auf dem Nachholen solcher Stunden bestehen, Schüler bzw. Eltern genauso. Das Argument ist immer: Unterrichtausfall = keine Leistung = kein Geld.

Abgesehen davon, dass wie gesagt aus praktisch-organisatorischen Gründen das generelle Recht auf Nachholen nicht eingeräumt werden sollte, bezweifle ich, dass die Argumentation "Keine Leistung = kein Geld" wirklich richtig ist. Ich glaube, dass diverse Umstände dazu führen, dass das Unterrichtsverhältnis falsch gedeutet wird. Eine Steigerung dieses Missverständnisses ist z.B. die Diskussion darüber, warum man in den Sommerferien bezahlen soll, wenn doch gar kein Unterricht ist. Ich habe schon Menschen mit höherem Bildungsgrad erlebt, die nicht verstehen wollten, dass sie die monatliche Rate einer Jahresgebühr zahlen und keine Summe der monatlich abgehaltenen Einzelstunden.

Die Ursache für die ewigen Diskussionen liegt darin, dass man den besonderen Charakter der Dienstleistung des Musikpädagogen und den besonderen Charakter seiner Tätigkeit nicht berücksichtigt, sondern mit einer gewöhnlichen, nach Zeit und/oder Leistung bezahlten Dienstleistung gleichstellt.

Zwei Dinge fallen mir auf.

Der erste Umstand sind Missverständnisse über die berufliche Situation eines Musikpädagogen. Das liegt vor allem darin begründet, dass die meisten Musiklehrer heutzutage Honorarlehrer sind. Ein Teil derer lebt nicht vom Unterrichten allein, er verdient nebenbei mit anderen Jobs Geld, meist auf der Basis der freiberuflichen Tätigkeit. Andere wiederum erzielen mit dem Unterricht ein Teilzeit-Einkommen, das ihnen reicht, weil sie durch einen Ehepartner versorgt sind oder weil sie prekär leben oder weil sie Studenten sind oder weil sie "schwarz" arbeiten oder weil sie sparsam und bescheiden sind. Diese beiden Gruppen tragen ungewollt dazu bei, dass der Musikpädagoge nicht als vollwertiger Beruf mit einer eigenen Organisationsform angesehen wird. Die Beurteilung Außenstehender tendiert zumindest unterschwellig ein wenig in die Richtung des  Gelegenheits- oder Zusatzjobs. 

Einem Lehrer an einer staatlichen Schule kann man nicht die Zeit vorrechnen, die er mit bestimmten Tätigkeiten verbringt. Aber es erscheint demgegenüber selbstverständlich, dass die Ableistung einer einzelnen Gitarrenstunde eine einzelne Dienstleistung ist, so wie sie etwa ein Handwerker erbringt. Die daraus resultierende Argumentationskette lautet: Ich bezahle die Zeit des Lehrers und für keine Zeit bezahle ich kein Geld. 

Abgesehen davon, dass es auch einen Teil an Lehrern gibt, der tatsächlich ein unterdurchschnittliches Vollzeiteinkommen mit Unterricht verdient, kann man den Vergleich mit den Handwerkern nur betrachten, wenn man den Gitarrenlehrer zum Vollzeit-Job hochrechnet und nicht als eine prekäre Beschäftigung, die im Extremfall gar von sozialen Leistungen subventioniert wird. Musikpädagogen, die nicht Vollzeit arbeiten bzw. deren Tätigkeit man nicht als Teil einer Vollzeitbeschäftigung ansieht, erscheinen zwangsläufig als zeitlich flexible Dienstleister, und das geht  ins Große gerechnet nicht.

Wenn wir den Gitarrenlehrer als Dienstleister in Vollzeit betrachten, dann müssen wir auf das typische Organisationsmodell seines Berufs schauen. Jeder Beruf hat eine spezifische Arbeitsdichte, das finden wir normal. Die Arbeitsdichte eines Rettungsassistenten ist anders als die eines Fließbandarbeiters. Einen Taxifahrer bezahlt man nicht nur für die Zeit, die er mit Fahrgästen fährt, sondern auch für die Zeit, die er ohne Fahrgast fährt und für die Zeit, in der er steht und auf einen Fahrgast wartet. Damit ein Taxifahrer von seinem Job leben kann, muss er die Arbeit und die Preise so organisieren, dass sich das ganze am Ende rechnet. Sein Warten bezahlt derjenige, der einsteigt und nicht derjenige, der nicht eingestiegen ist.

Auch für den Gitarrenlehrer gibt es ein Arbeitsdichtemodell, das sich aus nachvollziehbaren Gründen ergibt. Unterricht findet vorwiegend nachmittags statt, Unterricht findet regelmäßig wöchentlich über einen längeren Zeitraum statt, Unterricht findet zusammenhängend nach Stundenplan statt. Eine Gitarrenstunde als eine einzelne Dienstleistung wie das Haareschneiden zu betrachten, widerspricht diesem Organisationsmodell. Die regelmäßig wiederkehrende Teilnahme des Schülers muss organisiert werden, nicht die Ableistung mehrerer Einzelleistungen, deren Terminierung relativ frei und verschiebbar wäre. 

Ein Vollzeit-Lehrer gibt bis zu 5 Uhrzeitstunden am Tag Unterricht, und das können bis zu 50 Schüler in der Woche sein. Das muss organisiert werden.
Ein weiteres Argument gegen das Nachholen von Unterricht, der seitens Schüler ausgefallen ist, ist das besagte auf Vollzeit hochgerechnete, berufsspezifische  Organisationsmodell. Der Stundenplan regelt seine Einsatzzeit und nicht die 24h-Rufbereitschaft eines Schlüsselnotdienstes.

Fazit: Der Gitarrenlehrer arbeitet nicht in Rufbereitschaft sondern nach Stundenplan. Nachholen von Stunden wären wie eine kurzfristige Änderung des Stundenplans zu verstehen. Diese ist in der zu erwartenden Größenordnung von seitens des Schülers ausgefallenem Unterricht berufsbedingt organisatorisch nicht möglich.  


Unterrichtsausfall seitens des Lehrers


Was passiert, wenn Unterricht innerhalb eines Vertragsverhältnisses ausfällt? Wann, wie und warum muss dieser Unterricht nachgeholt werden? Wenig Diskussion wird es um die Frage geben, was mit den Stunden passiert, die nicht gehalten werden konnten, weil der Lehrer verhindert war. Ich wollte diese Frage beiläufig beantworten, aber am Ende hat es einen ganzen Artikel gebraucht. Dieser liefert aber eine Teilantwort für die strittige Frage, was mit Unterricht passiert, der wegen des Schülers ausfällt.  

Ich würde zunächst behaupten, dass sowohl im Musikschulbereich als auch bei Privatdozenten folgende skizzierte Form des Unterrichtsvertrages die Regel ist: Unterricht findet wöchentlich in der gesetzlich geregelten Schulzeit zu einem festgesetzten Termin statt; es wird eine Jahresgebühr erhoben, die in 12 Teilen monatlich zu entrichten ist. Die maximale Anzahl der Stunden kann je nach Wochentag variieren, im Schnitt beträgt sie so ca. 38 Stunden pro Jahr. Es gibt auch Verträge, die die Stundenzahl von vornherein festlegen, meist unter dem Schnitt z.B. mit nur 36 Unterrichtseinheiten. Das hat drei Vorteile; erstens sind die Ungleichheiten von Wochentag zu Wochentag (Feiertage, Ferienbeginn) ausgeglichen; zweitens erscheint die Monatsgebühr dann günstiger; drittens bleiben freie Termine, die für ausgefallenen Unterricht verwendet werden können. 


Und da sind wir beim Thema. Unterrichtsausfall ist nicht gleich Unterrichtsausfall. Mich interessiert zunächst der Unterrichtsausfall, der infolge der Verhinderung des Lehrers entsteht. Dort gibt es - denke ich - kaum Diskussionen, ob dieser Unterricht nachgeholt werden muss. Klares Ja auch von meiner Seite.

Zählen wir aber einfach mal zusammen, was die Gründe für Verhinderung des Lehrers sein können.
Erstens: Krankheit. In meinem Artikel "Eine Gitarrenstunde müsste 25,35 EUR kosten" erwähnte ich den durchschnittlichen Krankenstand von Arbeitnehmern in Deutschland. Das sind 10 Arbeitstage, also 2 Wochen. Da sich Krankheit nicht an Schulzeiten hält sondern auch in Ferien auftritt, wären das 1,5 Unterrichtseinheiten pro Schüler, die infolge Krankheit des Lehrers pro Jahr ausfallen. Ziemlich wenig, wie ich finde, aber umso besser, niemand wünscht sich krank zu sein.


Die zweite Ursache finde ich recht bedeutsam: Verhinderung aus beruflichen Gründen. Das klingt eigenartig, aber in der Praxis ist das sehr naheliegend. Es wäre nämlich widersinnig, Musiker als Lehrkräfte auf Honorarbasis anzustellen und gleichzeitig zu erwarten, dass die Musiker die Honoraranstellung wie einen Voll- oder Teilzeitjob ausüben. Stichwort Scheinselbständigkeit. Wer das eine will, muss das andere mögen. Wer abends eine 100 km entfernte Mugge hat, der kann am Nachmittag nicht unterrichten. Das muss ein Musikschulbetreiber genauso berücksichtigen wie der Schüler eines privaten Gitarrenlehrers. Andernfalls müssten andere Honorare und Preise aufgerufen werden. 
Für den, der mit Musizieren Geld verdient, werden selbst wichtige Proben zum Problem. Abgesehen von denen, die noch irgendetwas ganz anderes machen, das zu Überschneidungen führt. Ich würde sehr, sehr vorsichtig schätzen, dass die Zahl ausgefallener Unterrichtsstunden wegen beruflicher Verpflichtung pro Jahr pro Schüler am Ende im Schnitt bei 1 liegt.


Grund Nummer drei wäre: Urlaub. Nanu, der Lehrer hat doch in den Ferien genug Zeit für Urlaub? Sicher hat er das. Aber jeder andere Beschäftigte kann in Absprache mit dem Arbeitgeber an jedem x-beliebigen Tag im Jahr Urlaub nehmen. Zum Beispiel wegen familiärer Feierlichkeiten, wegen an einen Tag gebundener privater Dinge, wegen ehrenamtlicher Tätigkeit usw.. Das passiert halt und ich würde sagen ungefähr an zwei Tagen im Jahr, auf eine Woche verteilt also Pi-mal-Daumen 0,4 mal pro Schüler im Jahr.

Grund vier: die höhere Gewalt - Autounfall, Auto kaputt, Fahrrad geklaut, Kind plötzlich krank, Schlüssel weg, Katze zum Tierarzt bringen, Wasserrohrbruch usw. - was manchem Schüler ziemlich oft widerfährt,  davor ist auch der Gitarrenlehrer ausnahmsweise nicht gefeit. Einmal in zwei Jahren passiert sowas. Diese Schätzung bedeutet 0,1 mal pro Schüler im Jahr.

Das bedeutet also in Summe: 1,5 (Krankheit) + 1 (Beruf) + 0,4 (Urlaub) + 0,1 (höhere Gewalt) = 3 Stunden.

Mit anderen Worten: Es fallen 3 Unterrichtsstunden pro Jahr pro Schüler infolge der Verhinderung des Lehrers aus. Das bedeutet, dass für 3 Stunden ein anderer zusätzlicher Termin gefunden werden muss. Sofern also der Vertrag die Anzahl der im Jahr zu gebenden Stunden nicht reduziert hat, wären das 3 Stunden, die in den Ferien, am Wochenende oder gar an Feiertagen nachgegeben werden müssen. 

Die Terminfindung mit Erwachsenen ist hier nicht ganz so kompliziert wie die mit schulpflichtigen Kindern. Für mich war es bisher noch unmöglich, einen kompletten Unterrichtstag in die Ferien zu verlagern. Mindestens ein Viertel der Schüler kann jeweils nicht. Bei 4 Tagen wird es umso komplizierter. Manche Musikschulen haben Schließzeiten, da reduziert sich die Auswahl an Terminen zusätzlich. Der eigene Urlaub des Schülers bzw. eigene Aktivitäten in der unterrichtsfreien Zeit kommen hinzu. Am Ende wird ein Unterrichtstag in mehreren Teilen und vielleicht auch in verschiedener Form nachgegeben. Beim ersten oder letzten Schüler eines Unterrichtstages kann das beispielsweise als Verlängerung der Stunde geschehen. Aber summa summarum ist die Verlagerung immer mit einem Zusatzaufwand an Zeit verbunden, es entstehen Schweizer-Käse-Nachmittage mit unbezahlten Freistunden.

Interessant ist die Frage, ob die Verhinderung eines Schülers an einem vom Lehrer vorgeschlagenen Ausweichtermin wie die Verhinderung an einem regulären Termin zu behandeln ist. Unterrichtsausfall seitens des Schülers soll erst im nächsten Artikel behandelt werden, aber man müsste an dieser Stelle bereits darauf eingehen. Kann sich der Schüler den Ausweichtermin heraus suchen? 
Sofern der Vertrag die Schulzeit als Unterrichtszeit festlegt, ist der Schüler rein rechtlich gesehen auf keinen Ausweichtermin zu verpflichten, denn die Ferien sind ihm für all das vorbehalten, was ihn

an der Unterrichtsteilnahme verhindern könnte - Urlaub, Termine, Freizeit. Vor allem dann, wenn man im Gegenzug erwartet, dass der Schüler in der Schulzeit keine derartigen Termine hat, für die er möglicherweise gar Anspruch auf Unterrichtsverlegung erhebt. Beispiel: Der Student. Seine Semesterferien decken sich nicht mit den Schulferien. Man müsste erwarten, dass er seinen Urlaub trotzdem in die Schulferien verlegt. Tut er das nicht, fällt es schwer, ihm den Anspruch auf Verlegung in die unterrichtsfreie Zeit einzuräumen. Tut er es, dann muss der Lehrer im Gegenzug akzeptieren, dass nicht jede Ferienwoche Platz für wegen ihm verlegten Unterricht bietet. Was bedeutet, dass der Termin für nachzugebenden Unterricht Vereinbarungssache ist. 
Und das heißt, dass ungefähr doppelte Zeit im Sinne von Unterrichtswochen veranschlagt werden muss. Im am häufigsten vorkommenden Vertragsfalle wären also 38 reguläre Unterrichtswochen zuzüglich der doppelten Anzahl der vom Lehrer abgesagten Unterrichtstermine ( 3, s.o. mal 2 = 6) vom Lehrer einzuplanen, um dem Unterrichtsvertrag gerecht zu werden. Macht 44 Unterrichtswochen.


Wir gehen hier von Durchschnittswerten aus. Ein junger, gesunder Lehrer ohne viele Nebenbeschäftigung, ohne familiäre Pflichten, mit viel Freizeit kann den üblichen Unterrichtsvertrag am ehesten ohne große Probleme erfüllen. Aber wer eine längere Krankheit zu überstehen hat, wer mit seiner Band tourt und wer viel unterrichtet, der stößt mit dem Nachgeben der wegen ihm ausgefallenen Stunden an die Grenzen des Machbaren.  


Die Diskussion, ob auch jene Stunden nachgeholt werden, die wegen des Schülers ausfallen, hätte sich mit dieser Feststellung eigentlich erübrigt. Das Jahr hat sozusagen nicht genügend Wochen dafür. De facto räumen die meisten Verträge allerdings den Anspruch auf diese Nachholung mindestens teilweise ein. In der Praxis kann das nur funktionieren, weil es genügend Lehrkräfte gibt, die den Mehraufwand leisten (können) oder die mit weniger Geld auskommen (können) und weil es Schüler gibt, die auf das Nachholen verzichten. Die Folge: Je seriöser ein Lehrer ist (Schüleranzahl, Alter, Berufserfahrung), desto mehr muss er sich selbst ausbeuten, um dem Wunsch der Musikschulen und
der Schüler nach "Kundenfreundlichkeit" und einladenden Verträgen nachzukommen.

Das Fazit also lautet, dass allein mit dem Nachgeben der durch den Lehrer ausfallenden Stunden ein organisatorischer und zeitlicher Mehraufwand betrieben werden muss, der das Nachholen von Unterricht, der aus nicht vom Lehrer zu verantwortenden Gründen ausgefallen ist, praktisch unmöglich werden lässt. In der Praxis wird hier "rumgewurschtelt", wie es der Sachse sagt und oft mit verschiedener Elle gemessen, anstatt dem "Kunden" reinen Wein einzuschenken.
Dass es noch andere Gründe gibt, die gegen das Nachholen von Unterricht sprechen, der wegen des Schülers ausgefallen ist, erklärt dann der nächste Artikel.

Was hat Orthorexie mit Musikpädagogik zu tun?

Haben Sie schon mal was von Üborexie gehört? Nein? ... ich auch nicht,. Den Begriff habe ich mir gerade ausgedacht als Pendant zur aktuell um sich greifenden Orthorexie, der Sucht nach absolut gesundem Essen. Die Parallele zur Musikwelt: Für möglichst effektive, didaktisch wohlüberlegte Übungen, interessieren sich Profimusiker -  vom Schüler werden sie konsequent ignoriert, weil sie meist nach nichts klingen. 

Ernährung ist eines der Topthemen unserer Zeit hierzulande. Vor ein paar Jahren, als der Bio-Lebensmittel-Trend in der Mitte der Gesellschaft ankam, wurde desöfteren argumentiert, dass Bioprodukte viel gesünder seien. Nicht nur, weil sie keine Spuren von Pestiziden enthalten, sondern weil sie nährstoff- und vitaminreicher als herkömmliche Produkte seien. Kein Zweifel, dass es so ist, aber als Argument kam mir das gegenüber den unwiderlegbaren ethischen und ökologischen Argumenten schon immer etwas komisch vor. 

Ich fragte mich: Wenn ein konventionell erzeugter Apfel z.B. ein Viertel weniger "Gesundes" enthält, wäre es doch auch vorteilhaft, noch einen halben konventionellen Apfel mehr zu essen. Das wäre dann sogar noch gesünder. Wobei es für die meisten Leute vermutlich schon vergleichsweise gesund wäre, überhaupt einen Apfel zu essen. Denn Obst und Gemüse kann man ja bekanntlich nicht genug essen. 
Ähnlich läuft die Diskussion um die Frage, ob man Gemüse kochen sollte oder nur roh essen wegen des Vitaminverlustes beim Zerkochen; oder ob eingefrostetes Gemüse noch genug Vitamine hat usw.. Wegen ein paar Milligramm mehr oder weniger entstehen in diesen Fragen Dogmen. Das geht soweit, dass man Lebensmittel und Speisen wegen ein paar fehlender guter Milligramme meidet, verdammt und verunglimpft. Dies noch vor dem Hintergrund, dass der Körper unabhängig von unseren Vorstellungen entscheidet, welche Stoffe er überhaupt in welcher Menge aufnimmt und nutzt.
Mittlerweile existiert ein Begriff für psychisch auffällige Beflissenheit um gesundes Essen - Orthorexie

Was hat diese Diskussion mit Musik, Gitarre, Didaktik usw. zu tun?

Nun, der Aufhänger wäre meine These: Minderwertiges konventionelles Gemüse ist immer noch besser als gar kein Gemüse. Und in Analogie ließen sich daraus schöne Leitsätze der Musikpädagogik basteln, z.B.: 

Minderwertiges Musikmachen ist immer noch besser als keine Musik zu machen. 

Falsches Üben ist immer noch besser als gar nicht zu üben. 

Nicht zu üben ist immer noch besser als nicht mehr zum Unterricht zu kommen (auch weil es nicht unendlich viele fleißige Schüler gibt). 

Der Maßstab des Profimusikers oder des Musikpädagogen ist einer, bei dem es tatsächlich um ein paar Milligramm mehr oder weniger geht, genauso wie es beim Leistungssportler um die Optimierung sämtlicher Leistungsfaktoren geht. Aber dem normalen Musikschüler ist diese Herangehensweise völlig fremd. Hier kommt es zu vielen Missverständnissen zwischen Lehrer und Schüler. 

Hocheffektive Technikübungen beispielsweise dürften für den normalen Schüler ineffektiv sein, weil sie meist nicht viel mit schönem Klang zu tun haben und der Schüler wenig Lust verspürt, sie regelmäßig zu machen. Sämtliche Lerngegenstände werden am besten gelernt, wenn sie möglichst oft wiederholt werden. Je grässlicher eine Übung aber ist, desto niedriger ist die reale Wiederholrate in der Schülerschaft. Profimusiker haben einen Riesenspaß, sich Fingerbrecher auszudenken, sich an ihnen abzuarbeiten und sie ihren Schülern weiter zu empfehlen. Schüler aber wiederholen lieber weltbekannte Viertakter unendlich oft als auch nur einmal "Fingerklimmzüge", "Spinnen" oder sonstige hochdosierten Häppchen zu probieren. Eine Übung wird allerhöchstens akzeptiert und gemacht, wenn sie dazu dient, einen beliebten Viertakter zu lernen oder besser zu spielen.  

Ähnlich kleinlich wie bei der Vitaminmenge in verschiedenem Obst kann man auch bei musikalischen Aspekten wie Dynamik, Timing und Tongebung sein. Manchmal sagen anspruchsvolle Pädagogen, dass ein vom Schüler gleichförmig und ausdrucklos gespieltes Stück keine Musik und also nichts wert ist. Das ist nach all meiner Erfahrung jedoch ein reines Luxusproblem. Jedes im Zieltempo durchgespielte Stück ist ein Erfolg, den man dem Schüler mit nichts kleinreden sollte. Genauso wie es keine ungesunden Äpfel gibt.  

Ein Schüler entwickelt seinen Leistungswillen und seinen Anspruch von selbst, und zwar dadurch, dass er Spaß durch Erfolg und Erfolg durch Spaß hat. Dann kann man durchaus auch mal über Effektivität nachdenken, denn dann trägt sie zum Erhalt der Spaßmenge bei. In den meisten Fällen jedoch sollte meiner Meinung nach der klangliche Weg des Anreizes gewählt werden: Bekanntes, Schönes, Spannendes und Leichtes. Zehn leicht verdauliche Sachen bringen den Schüler weiter als eine schwergewichtig komprimierte, an der ihm die Lust vergeht.