Unterrichtsausfall seitens des Schülers

Muss Unterricht nachgeholt werden, der wegen der Verhinderung des Schülers nicht zum geplanten Termin stattfinden konnte? Eine vieldiskutierte Frage, die oft nicht wirklich geklärt sondern irgendwo zwischen Vertrag, Lehrer und Schüler irgendwie gehandhabt wird. Kaum jemand spricht klar und deutlich aus, was ich mit Argumenten belege: Unterrichtsausfall seitens des Schülers wird nicht nachgeholt. 

Schätzungsweise 3 Stunden im Jahr müssen pro Schüler verlegt werden, weil der Lehrer für den Ausfall verantwortlich ist. Häufiger als der Lehrer ist jedoch der Schüler verhindert. Die Gründe sind hier meist anders gelagert, das liegt allein schon daran, dass Gitarrenunterricht für den Schüler keine Arbeit ist wie für den Lehrer. Die häufigsten Gründe aus meiner Erfahrung sind bei Kindern: Krankheit, Schulveranstaltung/Ausflug, Kindergeburtstag und bei Erwachsenen: Arbeit, Krankheit, Urlaub/Semesterpause, privates. Meine Erfahrung sagt, dass im Schnitt ungefähr 5 Stunden im Jahr pro Schüler von ihm abgesagt werden. Bei einzelnen Schülern ist die Zahl deutlich höher, andere kommen fast immer.

Im Artikel "Unterrichtsausfall seitens Lehrer" habe ich bereits festgestellt, dass das Nachholen dieser Stunden am Ende organisatorisch kaum möglich ist. Dennoch zeigt mir meine Erfahrung, dass Musikschulen auf dem Nachholen solcher Stunden bestehen, Schüler bzw. Eltern genauso. Das Argument ist immer: Unterrichtausfall = keine Leistung = kein Geld.

Abgesehen davon, dass wie gesagt aus praktisch-organisatorischen Gründen das generelle Recht auf Nachholen nicht eingeräumt werden sollte, bezweifle ich, dass die Argumentation "Keine Leistung = kein Geld" wirklich richtig ist. Ich glaube, dass diverse Umstände dazu führen, dass das Unterrichtsverhältnis falsch gedeutet wird. Eine Steigerung dieses Missverständnisses ist z.B. die Diskussion darüber, warum man in den Sommerferien bezahlen soll, wenn doch gar kein Unterricht ist. Ich habe schon Menschen mit höherem Bildungsgrad erlebt, die nicht verstehen wollten, dass sie die monatliche Rate einer Jahresgebühr zahlen und keine Summe der monatlich abgehaltenen Einzelstunden.

Die Ursache für die ewigen Diskussionen liegt darin, dass man den besonderen Charakter der Dienstleistung des Musikpädagogen und den besonderen Charakter seiner Tätigkeit nicht berücksichtigt, sondern mit einer gewöhnlichen, nach Zeit und/oder Leistung bezahlten Dienstleistung gleichstellt.

Zwei Dinge fallen mir auf.

Der erste Umstand sind Missverständnisse über die berufliche Situation eines Musikpädagogen. Das liegt vor allem darin begründet, dass die meisten Musiklehrer heutzutage Honorarlehrer sind. Ein Teil derer lebt nicht vom Unterrichten allein, er verdient nebenbei mit anderen Jobs Geld, meist auf der Basis der freiberuflichen Tätigkeit. Andere wiederum erzielen mit dem Unterricht ein Teilzeit-Einkommen, das ihnen reicht, weil sie durch einen Ehepartner versorgt sind oder weil sie prekär leben oder weil sie Studenten sind oder weil sie "schwarz" arbeiten oder weil sie sparsam und bescheiden sind. Diese beiden Gruppen tragen ungewollt dazu bei, dass der Musikpädagoge nicht als vollwertiger Beruf mit einer eigenen Organisationsform angesehen wird. Die Beurteilung Außenstehender tendiert zumindest unterschwellig ein wenig in die Richtung des  Gelegenheits- oder Zusatzjobs. 

Einem Lehrer an einer staatlichen Schule kann man nicht die Zeit vorrechnen, die er mit bestimmten Tätigkeiten verbringt. Aber es erscheint demgegenüber selbstverständlich, dass die Ableistung einer einzelnen Gitarrenstunde eine einzelne Dienstleistung ist, so wie sie etwa ein Handwerker erbringt. Die daraus resultierende Argumentationskette lautet: Ich bezahle die Zeit des Lehrers und für keine Zeit bezahle ich kein Geld. 

Abgesehen davon, dass es auch einen Teil an Lehrern gibt, der tatsächlich ein unterdurchschnittliches Vollzeiteinkommen mit Unterricht verdient, kann man den Vergleich mit den Handwerkern nur betrachten, wenn man den Gitarrenlehrer zum Vollzeit-Job hochrechnet und nicht als eine prekäre Beschäftigung, die im Extremfall gar von sozialen Leistungen subventioniert wird. Musikpädagogen, die nicht Vollzeit arbeiten bzw. deren Tätigkeit man nicht als Teil einer Vollzeitbeschäftigung ansieht, erscheinen zwangsläufig als zeitlich flexible Dienstleister, und das geht  ins Große gerechnet nicht.

Wenn wir den Gitarrenlehrer als Dienstleister in Vollzeit betrachten, dann müssen wir auf das typische Organisationsmodell seines Berufs schauen. Jeder Beruf hat eine spezifische Arbeitsdichte, das finden wir normal. Die Arbeitsdichte eines Rettungsassistenten ist anders als die eines Fließbandarbeiters. Einen Taxifahrer bezahlt man nicht nur für die Zeit, die er mit Fahrgästen fährt, sondern auch für die Zeit, die er ohne Fahrgast fährt und für die Zeit, in der er steht und auf einen Fahrgast wartet. Damit ein Taxifahrer von seinem Job leben kann, muss er die Arbeit und die Preise so organisieren, dass sich das ganze am Ende rechnet. Sein Warten bezahlt derjenige, der einsteigt und nicht derjenige, der nicht eingestiegen ist.

Auch für den Gitarrenlehrer gibt es ein Arbeitsdichtemodell, das sich aus nachvollziehbaren Gründen ergibt. Unterricht findet vorwiegend nachmittags statt, Unterricht findet regelmäßig wöchentlich über einen längeren Zeitraum statt, Unterricht findet zusammenhängend nach Stundenplan statt. Eine Gitarrenstunde als eine einzelne Dienstleistung wie das Haareschneiden zu betrachten, widerspricht diesem Organisationsmodell. Die regelmäßig wiederkehrende Teilnahme des Schülers muss organisiert werden, nicht die Ableistung mehrerer Einzelleistungen, deren Terminierung relativ frei und verschiebbar wäre. 

Ein Vollzeit-Lehrer gibt bis zu 5 Uhrzeitstunden am Tag Unterricht, und das können bis zu 50 Schüler in der Woche sein. Das muss organisiert werden.
Ein weiteres Argument gegen das Nachholen von Unterricht, der seitens Schüler ausgefallen ist, ist das besagte auf Vollzeit hochgerechnete, berufsspezifische  Organisationsmodell. Der Stundenplan regelt seine Einsatzzeit und nicht die 24h-Rufbereitschaft eines Schlüsselnotdienstes.

Fazit: Der Gitarrenlehrer arbeitet nicht in Rufbereitschaft sondern nach Stundenplan. Nachholen von Stunden wären wie eine kurzfristige Änderung des Stundenplans zu verstehen. Diese ist in der zu erwartenden Größenordnung von seitens des Schülers ausgefallenem Unterricht berufsbedingt organisatorisch nicht möglich.  


Unterrichtsausfall seitens des Lehrers


Was passiert, wenn Unterricht innerhalb eines Vertragsverhältnisses ausfällt? Wann, wie und warum muss dieser Unterricht nachgeholt werden? Wenig Diskussion wird es um die Frage geben, was mit den Stunden passiert, die nicht gehalten werden konnten, weil der Lehrer verhindert war. Ich wollte diese Frage beiläufig beantworten, aber am Ende hat es einen ganzen Artikel gebraucht. Dieser liefert aber eine Teilantwort für die strittige Frage, was mit Unterricht passiert, der wegen des Schülers ausfällt.  

Ich würde zunächst behaupten, dass sowohl im Musikschulbereich als auch bei Privatdozenten folgende skizzierte Form des Unterrichtsvertrages die Regel ist: Unterricht findet wöchentlich in der gesetzlich geregelten Schulzeit zu einem festgesetzten Termin statt; es wird eine Jahresgebühr erhoben, die in 12 Teilen monatlich zu entrichten ist. Die maximale Anzahl der Stunden kann je nach Wochentag variieren, im Schnitt beträgt sie so ca. 38 Stunden pro Jahr. Es gibt auch Verträge, die die Stundenzahl von vornherein festlegen, meist unter dem Schnitt z.B. mit nur 36 Unterrichtseinheiten. Das hat drei Vorteile; erstens sind die Ungleichheiten von Wochentag zu Wochentag (Feiertage, Ferienbeginn) ausgeglichen; zweitens erscheint die Monatsgebühr dann günstiger; drittens bleiben freie Termine, die für ausgefallenen Unterricht verwendet werden können. 


Und da sind wir beim Thema. Unterrichtsausfall ist nicht gleich Unterrichtsausfall. Mich interessiert zunächst der Unterrichtsausfall, der infolge der Verhinderung des Lehrers entsteht. Dort gibt es - denke ich - kaum Diskussionen, ob dieser Unterricht nachgeholt werden muss. Klares Ja auch von meiner Seite.

Zählen wir aber einfach mal zusammen, was die Gründe für Verhinderung des Lehrers sein können.
Erstens: Krankheit. In meinem Artikel "Eine Gitarrenstunde müsste 25,35 EUR kosten" erwähnte ich den durchschnittlichen Krankenstand von Arbeitnehmern in Deutschland. Das sind 10 Arbeitstage, also 2 Wochen. Da sich Krankheit nicht an Schulzeiten hält sondern auch in Ferien auftritt, wären das 1,5 Unterrichtseinheiten pro Schüler, die infolge Krankheit des Lehrers pro Jahr ausfallen. Ziemlich wenig, wie ich finde, aber umso besser, niemand wünscht sich krank zu sein.


Die zweite Ursache finde ich recht bedeutsam: Verhinderung aus beruflichen Gründen. Das klingt eigenartig, aber in der Praxis ist das sehr naheliegend. Es wäre nämlich widersinnig, Musiker als Lehrkräfte auf Honorarbasis anzustellen und gleichzeitig zu erwarten, dass die Musiker die Honoraranstellung wie einen Voll- oder Teilzeitjob ausüben. Stichwort Scheinselbständigkeit. Wer das eine will, muss das andere mögen. Wer abends eine 100 km entfernte Mugge hat, der kann am Nachmittag nicht unterrichten. Das muss ein Musikschulbetreiber genauso berücksichtigen wie der Schüler eines privaten Gitarrenlehrers. Andernfalls müssten andere Honorare und Preise aufgerufen werden. 
Für den, der mit Musizieren Geld verdient, werden selbst wichtige Proben zum Problem. Abgesehen von denen, die noch irgendetwas ganz anderes machen, das zu Überschneidungen führt. Ich würde sehr, sehr vorsichtig schätzen, dass die Zahl ausgefallener Unterrichtsstunden wegen beruflicher Verpflichtung pro Jahr pro Schüler am Ende im Schnitt bei 1 liegt.


Grund Nummer drei wäre: Urlaub. Nanu, der Lehrer hat doch in den Ferien genug Zeit für Urlaub? Sicher hat er das. Aber jeder andere Beschäftigte kann in Absprache mit dem Arbeitgeber an jedem x-beliebigen Tag im Jahr Urlaub nehmen. Zum Beispiel wegen familiärer Feierlichkeiten, wegen an einen Tag gebundener privater Dinge, wegen ehrenamtlicher Tätigkeit usw.. Das passiert halt und ich würde sagen ungefähr an zwei Tagen im Jahr, auf eine Woche verteilt also Pi-mal-Daumen 0,4 mal pro Schüler im Jahr.

Grund vier: die höhere Gewalt - Autounfall, Auto kaputt, Fahrrad geklaut, Kind plötzlich krank, Schlüssel weg, Katze zum Tierarzt bringen, Wasserrohrbruch usw. - was manchem Schüler ziemlich oft widerfährt,  davor ist auch der Gitarrenlehrer ausnahmsweise nicht gefeit. Einmal in zwei Jahren passiert sowas. Diese Schätzung bedeutet 0,1 mal pro Schüler im Jahr.

Das bedeutet also in Summe: 1,5 (Krankheit) + 1 (Beruf) + 0,4 (Urlaub) + 0,1 (höhere Gewalt) = 3 Stunden.

Mit anderen Worten: Es fallen 3 Unterrichtsstunden pro Jahr pro Schüler infolge der Verhinderung des Lehrers aus. Das bedeutet, dass für 3 Stunden ein anderer zusätzlicher Termin gefunden werden muss. Sofern also der Vertrag die Anzahl der im Jahr zu gebenden Stunden nicht reduziert hat, wären das 3 Stunden, die in den Ferien, am Wochenende oder gar an Feiertagen nachgegeben werden müssen. 

Die Terminfindung mit Erwachsenen ist hier nicht ganz so kompliziert wie die mit schulpflichtigen Kindern. Für mich war es bisher noch unmöglich, einen kompletten Unterrichtstag in die Ferien zu verlagern. Mindestens ein Viertel der Schüler kann jeweils nicht. Bei 4 Tagen wird es umso komplizierter. Manche Musikschulen haben Schließzeiten, da reduziert sich die Auswahl an Terminen zusätzlich. Der eigene Urlaub des Schülers bzw. eigene Aktivitäten in der unterrichtsfreien Zeit kommen hinzu. Am Ende wird ein Unterrichtstag in mehreren Teilen und vielleicht auch in verschiedener Form nachgegeben. Beim ersten oder letzten Schüler eines Unterrichtstages kann das beispielsweise als Verlängerung der Stunde geschehen. Aber summa summarum ist die Verlagerung immer mit einem Zusatzaufwand an Zeit verbunden, es entstehen Schweizer-Käse-Nachmittage mit unbezahlten Freistunden.

Interessant ist die Frage, ob die Verhinderung eines Schülers an einem vom Lehrer vorgeschlagenen Ausweichtermin wie die Verhinderung an einem regulären Termin zu behandeln ist. Unterrichtsausfall seitens des Schülers soll erst im nächsten Artikel behandelt werden, aber man müsste an dieser Stelle bereits darauf eingehen. Kann sich der Schüler den Ausweichtermin heraus suchen? 
Sofern der Vertrag die Schulzeit als Unterrichtszeit festlegt, ist der Schüler rein rechtlich gesehen auf keinen Ausweichtermin zu verpflichten, denn die Ferien sind ihm für all das vorbehalten, was ihn

an der Unterrichtsteilnahme verhindern könnte - Urlaub, Termine, Freizeit. Vor allem dann, wenn man im Gegenzug erwartet, dass der Schüler in der Schulzeit keine derartigen Termine hat, für die er möglicherweise gar Anspruch auf Unterrichtsverlegung erhebt. Beispiel: Der Student. Seine Semesterferien decken sich nicht mit den Schulferien. Man müsste erwarten, dass er seinen Urlaub trotzdem in die Schulferien verlegt. Tut er das nicht, fällt es schwer, ihm den Anspruch auf Verlegung in die unterrichtsfreie Zeit einzuräumen. Tut er es, dann muss der Lehrer im Gegenzug akzeptieren, dass nicht jede Ferienwoche Platz für wegen ihm verlegten Unterricht bietet. Was bedeutet, dass der Termin für nachzugebenden Unterricht Vereinbarungssache ist. 
Und das heißt, dass ungefähr doppelte Zeit im Sinne von Unterrichtswochen veranschlagt werden muss. Im am häufigsten vorkommenden Vertragsfalle wären also 38 reguläre Unterrichtswochen zuzüglich der doppelten Anzahl der vom Lehrer abgesagten Unterrichtstermine ( 3, s.o. mal 2 = 6) vom Lehrer einzuplanen, um dem Unterrichtsvertrag gerecht zu werden. Macht 44 Unterrichtswochen.


Wir gehen hier von Durchschnittswerten aus. Ein junger, gesunder Lehrer ohne viele Nebenbeschäftigung, ohne familiäre Pflichten, mit viel Freizeit kann den üblichen Unterrichtsvertrag am ehesten ohne große Probleme erfüllen. Aber wer eine längere Krankheit zu überstehen hat, wer mit seiner Band tourt und wer viel unterrichtet, der stößt mit dem Nachgeben der wegen ihm ausgefallenen Stunden an die Grenzen des Machbaren.  


Die Diskussion, ob auch jene Stunden nachgeholt werden, die wegen des Schülers ausfallen, hätte sich mit dieser Feststellung eigentlich erübrigt. Das Jahr hat sozusagen nicht genügend Wochen dafür. De facto räumen die meisten Verträge allerdings den Anspruch auf diese Nachholung mindestens teilweise ein. In der Praxis kann das nur funktionieren, weil es genügend Lehrkräfte gibt, die den Mehraufwand leisten (können) oder die mit weniger Geld auskommen (können) und weil es Schüler gibt, die auf das Nachholen verzichten. Die Folge: Je seriöser ein Lehrer ist (Schüleranzahl, Alter, Berufserfahrung), desto mehr muss er sich selbst ausbeuten, um dem Wunsch der Musikschulen und
der Schüler nach "Kundenfreundlichkeit" und einladenden Verträgen nachzukommen.

Das Fazit also lautet, dass allein mit dem Nachgeben der durch den Lehrer ausfallenden Stunden ein organisatorischer und zeitlicher Mehraufwand betrieben werden muss, der das Nachholen von Unterricht, der aus nicht vom Lehrer zu verantwortenden Gründen ausgefallen ist, praktisch unmöglich werden lässt. In der Praxis wird hier "rumgewurschtelt", wie es der Sachse sagt und oft mit verschiedener Elle gemessen, anstatt dem "Kunden" reinen Wein einzuschenken.
Dass es noch andere Gründe gibt, die gegen das Nachholen von Unterricht sprechen, der wegen des Schülers ausgefallen ist, erklärt dann der nächste Artikel.

Was hat Orthorexie mit Musikpädagogik zu tun?

Haben Sie schon mal was von Üborexie gehört? Nein? ... ich auch nicht,. Den Begriff habe ich mir gerade ausgedacht als Pendant zur aktuell um sich greifenden Orthorexie, der Sucht nach absolut gesundem Essen. Die Parallele zur Musikwelt: Für möglichst effektive, didaktisch wohlüberlegte Übungen, interessieren sich Profimusiker -  vom Schüler werden sie konsequent ignoriert, weil sie meist nach nichts klingen. 

Ernährung ist eines der Topthemen unserer Zeit hierzulande. Vor ein paar Jahren, als der Bio-Lebensmittel-Trend in der Mitte der Gesellschaft ankam, wurde desöfteren argumentiert, dass Bioprodukte viel gesünder seien. Nicht nur, weil sie keine Spuren von Pestiziden enthalten, sondern weil sie nährstoff- und vitaminreicher als herkömmliche Produkte seien. Kein Zweifel, dass es so ist, aber als Argument kam mir das gegenüber den unwiderlegbaren ethischen und ökologischen Argumenten schon immer etwas komisch vor. 

Ich fragte mich: Wenn ein konventionell erzeugter Apfel z.B. ein Viertel weniger "Gesundes" enthält, wäre es doch auch vorteilhaft, noch einen halben konventionellen Apfel mehr zu essen. Das wäre dann sogar noch gesünder. Wobei es für die meisten Leute vermutlich schon vergleichsweise gesund wäre, überhaupt einen Apfel zu essen. Denn Obst und Gemüse kann man ja bekanntlich nicht genug essen. 
Ähnlich läuft die Diskussion um die Frage, ob man Gemüse kochen sollte oder nur roh essen wegen des Vitaminverlustes beim Zerkochen; oder ob eingefrostetes Gemüse noch genug Vitamine hat usw.. Wegen ein paar Milligramm mehr oder weniger entstehen in diesen Fragen Dogmen. Das geht soweit, dass man Lebensmittel und Speisen wegen ein paar fehlender guter Milligramme meidet, verdammt und verunglimpft. Dies noch vor dem Hintergrund, dass der Körper unabhängig von unseren Vorstellungen entscheidet, welche Stoffe er überhaupt in welcher Menge aufnimmt und nutzt.
Mittlerweile existiert ein Begriff für psychisch auffällige Beflissenheit um gesundes Essen - Orthorexie

Was hat diese Diskussion mit Musik, Gitarre, Didaktik usw. zu tun?

Nun, der Aufhänger wäre meine These: Minderwertiges konventionelles Gemüse ist immer noch besser als gar kein Gemüse. Und in Analogie ließen sich daraus schöne Leitsätze der Musikpädagogik basteln, z.B.: 

Minderwertiges Musikmachen ist immer noch besser als keine Musik zu machen. 

Falsches Üben ist immer noch besser als gar nicht zu üben. 

Nicht zu üben ist immer noch besser als nicht mehr zum Unterricht zu kommen (auch weil es nicht unendlich viele fleißige Schüler gibt). 

Der Maßstab des Profimusikers oder des Musikpädagogen ist einer, bei dem es tatsächlich um ein paar Milligramm mehr oder weniger geht, genauso wie es beim Leistungssportler um die Optimierung sämtlicher Leistungsfaktoren geht. Aber dem normalen Musikschüler ist diese Herangehensweise völlig fremd. Hier kommt es zu vielen Missverständnissen zwischen Lehrer und Schüler. 

Hocheffektive Technikübungen beispielsweise dürften für den normalen Schüler ineffektiv sein, weil sie meist nicht viel mit schönem Klang zu tun haben und der Schüler wenig Lust verspürt, sie regelmäßig zu machen. Sämtliche Lerngegenstände werden am besten gelernt, wenn sie möglichst oft wiederholt werden. Je grässlicher eine Übung aber ist, desto niedriger ist die reale Wiederholrate in der Schülerschaft. Profimusiker haben einen Riesenspaß, sich Fingerbrecher auszudenken, sich an ihnen abzuarbeiten und sie ihren Schülern weiter zu empfehlen. Schüler aber wiederholen lieber weltbekannte Viertakter unendlich oft als auch nur einmal "Fingerklimmzüge", "Spinnen" oder sonstige hochdosierten Häppchen zu probieren. Eine Übung wird allerhöchstens akzeptiert und gemacht, wenn sie dazu dient, einen beliebten Viertakter zu lernen oder besser zu spielen.  

Ähnlich kleinlich wie bei der Vitaminmenge in verschiedenem Obst kann man auch bei musikalischen Aspekten wie Dynamik, Timing und Tongebung sein. Manchmal sagen anspruchsvolle Pädagogen, dass ein vom Schüler gleichförmig und ausdrucklos gespieltes Stück keine Musik und also nichts wert ist. Das ist nach all meiner Erfahrung jedoch ein reines Luxusproblem. Jedes im Zieltempo durchgespielte Stück ist ein Erfolg, den man dem Schüler mit nichts kleinreden sollte. Genauso wie es keine ungesunden Äpfel gibt.  

Ein Schüler entwickelt seinen Leistungswillen und seinen Anspruch von selbst, und zwar dadurch, dass er Spaß durch Erfolg und Erfolg durch Spaß hat. Dann kann man durchaus auch mal über Effektivität nachdenken, denn dann trägt sie zum Erhalt der Spaßmenge bei. In den meisten Fällen jedoch sollte meiner Meinung nach der klangliche Weg des Anreizes gewählt werden: Bekanntes, Schönes, Spannendes und Leichtes. Zehn leicht verdauliche Sachen bringen den Schüler weiter als eine schwergewichtig komprimierte, an der ihm die Lust vergeht. 

Für mehr Realismus im Gitarrenlehrplan

Kaum ein Instrument neben dem Piano bietet soviel Raum, die musikalische Lebenswelt der Schüler in den Unterricht zu holen, wie die Gitarre. Dennoch verharren viele Lehrpläne in einer Welt, in der die Gitarre eher wie ein klassisches Orchesterinstrument behandelt wird. Irgendwann kündigt jeder Schüler, aber es ist die Frage, ob er bis dahin etwas gelernt hat, das ihm erhalten bleibt.

Für die meisten Gitarrenschüler bleibt die Musik ein Hobby unter vielen und der Instrumentalunterricht eine Episode, die im Schnitt vielleicht 3 Jahre dauert. Etwa nach dieser Zeit lassen sich weitere Lernfortschritte nicht mehr ohne Anstrengung erzielen. Es entsteht ein Status Quo, von dem es bis zur Kündigung des Unterrichtsverhältnisses oft nicht mehr weit ist. Die vorgetragenen Anlässe mögen verschieden sein, aber der Grund ist, dass der Aufwand (Geld, Zeit, Mühe usw.) den gefühlten Nutzen übersteigt.    
Ein Instrumentallehrer kann es schaffen, diesen Punkt hinaus zu zögern. Vielleicht so, wie Ärzte das Ende des Lebens hinauszögern können. Aber die Schülerfluktuation ist ein Faktum, das man meiner Meinung nach in den Inhalten der Gitarrenausbildung besser berücksichtigen sollte. 

Entscheidend ist für mich die Frage, was ein Durchschnittsschüler an der Gitarre leisten kann, wenn er nach 3 Jahren kündigt. Sofern er sich bis dahin durch 2 Bände konzertgitarristischen Anfangsunterricht gequält hat, kann er mit Ach und Krach vielleicht ein zweistimmiges Stück nach Noten spielen. Und zwar so, dass jeder Laie hört, dass es weder gewollt noch gekonnt ist. In der Regel sind diese Stücke didaktische Kunstgebilde, die man nirgends hört: Nicht im Radio, nicht auf der Bühne, auch nicht im Proberaum - nur in der Musikschule. Der Schüler hat selber schon lange mitgekriegt, dass seine Stücke, die sich "Crazy Blues" oder "Rocking Guitar" nennen, nicht nach Blues oder Rock klingen. Und er hakt das Kapitel Gitarre ab. 

Weil er eben nur ein ganz normaler Schüler ist, hat er am Ende kaum etwas erreicht. Die konventionelle konzertgitarristische Ausbildung ist in der Praxis eine Autobahn ohne Abfahrten. Und es ist eine lange Autobahn, man schaue sich nur mal ein Gitarrenlehrwerk an, das Wert auf Vollständigkeit legt. Das sind dann schon mal 200 Seiten, an dessen Ende gerade mal das VdM-Grundstufenniveau erreicht ist.     

Das Endziel einer Autobahn kann ja gern ganz weit entfernt sein, aber die Wegstrecke dahin muss Ausfahrten haben. Und die Autobahn muss in die Nähe sinnvoller Ausfahrtziele geleitet werden. Man kann beispielsweise von Hamburg nach München auf der Autobahn fahren. Aber die Autobahn wurde nicht auf direktem Wege gebaut, sondern sie verbindet alle Städte, die zwischen Hamburg und München liegen. 

Ein Schüler sollte schon nach einem halben Jahr etwas vorzeigbares können, das er am besten sein Leben lang behält - z.B. ein Lied mit zwei Akkorden ohne Noten zu begleiten, mit Plektrum oder Daumenanschlag und mit Griffen, die auch die Stones benutzt haben. Das schaffen auch Kinder im Grundschulalter. Nicht klangperfekt, aber im Bewusstsein, dass "die Großen" auch sowas machen.

Ein Ausfahrtziel kann alles sein, was einen praktischen Bezug hat. Ein Lied nach Gehör begleiten, aus dem Songbook prima Vista spielen, irgendwas mehrstimmges improvisieren usw.. Ausfahrtziele sollten aber nicht sein, dass der Schüler ein Stück X aus der Leistungskategorie Y spielen kann. 

Nichts gegen das Stückespielen, aber ohne Praxiswissen im Hintergrund sind Stücke nur verstreute Mosaiksteinchen, die zusammengelegt kein Bild ergeben. Man vergisst sie schnell wieder, selbst wenn man die Noten dazu hat. Ein durchschnittlicher Schüler betreibt keine Repertoirepflege, er lernt nur für den Unterrricht. Und das ist schon viel. Ohne Unterricht schmilzt nach der Kündigung alles weg. Und eine Spielpraxis gibt es für leichte Gitarrenliteratur solo nicht. Von Omis Geburstag einmal abgesehen. 

Für alles, was einen gewissen praktischen Nutzen verspricht, lässt sich Motivation leichter gewinnen. Eine Ausbildung, die sichtbar an der Praxis orientiert ist, genießt beim Schüler einen höheren Respekt. Das ist auch der Grund, warum der Alleinunterhalter von nebenan einen durchaus guten Job als Gitarrenlehrer machen kann. Er verkörpert den Sinn praktischer Inhalte und ist nah dran an seinem Gegenüber - dem Hobbymusiker. 

Ich las vor kurzem, dass Kinder und Jugendliche durchaus zu motivieren sind, indem man ihnen in Aussicht stellt, mit zu lernenden Dingen später einmal Geld verdienen zu können. Kein ideales Argument, aber auch nicht viel besser als solche Sprüche wie "Musik macht intelligenter", "Musik macht Freunde" oder "Wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen". 

In der Lebenswelt sehen wir Gitarren auf der Showbühne, am Lagerfeuer, in der Weihnachtsstube und in der Innenstadt beim Straßenmusiker. Was da gespielt wird, interessiert den Schüler und sollte Thema der ersten 3 Jahre Gitarrenunterricht sein. Nur ein kleiner Bruchteil der Schülerschaft ist bereits anfangs an Klassik, Latin, Jazz usw. interessiert. Ein weiterer Bruchteil lässt sich dafür irgendwann begeistern. Aber für den wesentlichen Teil ist die Gitarre das, was sie in der Praxis ist: ein gut transportierbares Instrument zur rhythmisch-harmonischen Begleitung. 

Um Spezialisten, Überflieger und fleißige Bienchen muss ich mir erstmal keine Gedanken machen, wenn es um die Planung eines Unterrichtes geht, der für das Gros der Schüler ertragreich und für mich erträglich sein soll.

Und ich mache es so: Mit Akkorden, Rhythmus und Plektrumanschlag beginnen. Dann das Notenlesen durch Melodiespiel mit Plektrum einführen. Dann die klassische Technik (Picking) anhand von Begleitpattern vorstellen. Diese 3 Bausteine passen in 3 Jahre Ausbildung hinein. Der Schüler begreift sofort die Nützlichkeit jeder Technik. 
Und wer dann "Blut leckt", der beginnt den klassischen Weg zum mehrstimmigen Spiel oder spezialisiert sich anderweitig. Wer nach einem Jahr aufhört, kann wenigstens ein paar Akkorde schrubben. Wer nach 2 Jahren aufhört, ist ein Rhythmsugitarrist, der auch noch einstimmige Melodien lesen kann. Wer nach 3 Jahren aufhört, könnte in einer einfachen Band mitwirken oder zu Hause Gitarrentracks aufnehmen.

Und wer weitermacht, wird auf der Basis eines praktischen Wissens sehr schnell die Schritte zum mehrstimmigen Solospiel machen und nach 4 Jahren insgesamt weiter sein, als die wenigen, die 4 Jahre klassischen Unterricht überstehen und sich dann gegenüber dem Lehrer getrauen zu erwähnen, dass sie auch mal irgendwas spielen wollen, was mit unserem Musikalltag zu tun hat. 

Instrumentallehrer zwischen Sonderpädagogik, Edutainment und Erschöpfungsdepression

Haben Sie auch Schüler, die nicht oder nur ganz wenig üben? Wenn ja - wünschten Sie sich ein kleines Druckmittel, das sie aber nicht haben, weil ja jeder Schüler gleichzeitig ihr "König Kunde" ist? Haben Sie schlimmstenfalls manchmal das Gefühl, dass sie Verantwortung dafür haben, dass ihr Schüler keine Lust hat? Das negative Gefühl bei der Arbeit verringert sich deutlich, wenn man den sonderpädagogischen Status des privaten Instrumentallehrers akzeptiert und versucht, mit weniger Eifer mehr Spaß zu haben ... und am Ende sogar mehr Erfolg.  

Die meisten Instrumental-Unterrichtsverhältnisse sind privatwirtschaftlich organisiert. Der Instrumentallehrer ist ein Dienstleister und der Schüler ein Kunde, welcher für das Honorar des Lehrers aufkommt - mindestens. Diese Realität wird zuweilen verdeckt, weil Eltern die "Auftraggeber" sind. Aber im Grunde ändert es nichts daran: Im Instrumentalunterricht geht es antiautoritärer zu als in der Waldorfschule. Es gibt kein definiertes Ausbildungsziel, keine  Leistungsnachweise und keine festgelegte Ausbildungsdauer. Der Schüler wird solange unterrichtet, wie er lustig ist. Die Pädagogik folgt deshalb dem Lustprinzip. Eigentlich ist das paradox. Instrumentalunterricht ist eine spezielle Form der Unterhaltungskunst geworden. Man muss das nicht anerkennen, aber dann muss man damit leben, dass einem die Schüler davonlaufen. Doch bevor sie weglaufen, gehen sich Lehrer und Schüler für ziemlich viel Geld gehörig auf die Nerven. 

Instrumentalunterricht ist für den Schüler eine Freizeitaktivität, die - egal ob Kind oder Erwachsenener - mit vielen anderen Aktivitäten konkurriert. Im besten Falle werden die Kapazitäten von Pflichten wie Ausbildung, Arbeit oder Familie beschnitten. Oft ist es aber schlicht und ergreifend die mangelnde  Lust. Das ist auch ganz normal, denn andere Aktivitäten sind attraktiver als das Musikmachen (vom Üben will ich ja gar nicht reden). 
Kein Spaß - kein Erfolg, kein Erfolg - kein Spaß. Der Instrumentallehrer ist ein Sonderpädagoge. Seine besondere Fähigkeit besteht darin, geschickt in diese Abwärtsspirale einzugreifen, welche sich meist schon nach wenigen Monaten zu drehen beginnt. Und eine weitere besondere Fähigkeit sollte darin bestehen, das Frustrationspotential einzuschätzen, das durch zu hohe Ansprüche in der  musikalischen (Volks-)Bildung entsteht - vor allem beim Lehrer, denn er kann höchstens den Job, nicht aber die Schüler wechseln. Etwas krass formuliert hat er langfristig die Wahl zwischen Edutainment und Erschöpfungsdepression.  

Was meine ich mit Edutainment (Wortgemisch aus Education und Entertainment)? Ein Bildungsunterhalter geht grundsätzlich davon aus, dass der Schüler keine Leistung zu erbringen hat, außer am Unterricht teilzunehmen und dafür zu bezahlen. Der Edutainer bietet, genauso wie ein Entertainer, ein von ihm erarbeitetes Programm an. Er geht davon aus, dass dieses Programm letztlich die vom Rezipienten gewünschte Wirkung hat, welche konkret wäre, dass der Schüler Musikmachen können soll. Ein Unterhaltungskünstler kann das Publikum nicht dazu verpflichten, dass es klatscht und tanzt und mitsingt, obwohl das Publikum genau das am liebsten möchte. Analog dazu ist sich der Edutainer dessen  bewusst, dass allein der Inhalt seines Programms den Schüler zur (durchaus notwendigen und letztlich von beiden Seiten gewollten) Mitarbeit ( = zu Hause üben) bewegen kann. Und am besten wäre es, wenn er seine Darbietung zur Not auch ohne Mitarbeit des Schülers erbringen kann - so wie ein guter Unterhaltungskünstler auch mit widrigsten Publikumsverhältnissen umgehen können sollte. 

Gehen Sie vielleicht einfach mal davon aus, dass Ihr Schüler nicht übt. Nehmen Sie an, dass der Schüler nur im Unterricht das Instrument anfasst. Schauen Sie, ob es irgendeinen Weg gibt, mit ihm auf niedrigstem Niveau zu musizieren. Geben Sie vorsichtshalber jegliches Wollen in Bezug auf Ihren Schüler auf. Überlegen Sie nur, wie Sie ihm das Gefühl geben können, dass alles easy und unterhaltsam und spaßig ist. Machen Sie sich das Geldverdienen so schön und stressfrei wie möglich. Überlegen Sie aber, was Sie diesem uneffektiven Spaßunterricht für ihr eigenes Weiterkommen abgewinnen können und benutzen Sie die minimalen Fähigkeiten des Schülers für Ihre Zwecke. Z.B., dass Sie zum simplen Spiel Ihres Schülers auf höchstem Niveau improvisieren. Machen Sie Musik: David mit Goliath. So müssen Sie nicht warten, dass sich irgendwann was ändert und der Schüler womöglich beginnt, ernsthaft mitzuarbeiten. Ich muss Sie allerdings warnen, dass genau das dann passieren könnte. 

Gitarre spielen lernen oder Gitarre lernen spielen?

Haben es Gitarrenlehrer heutzutage schwerer, Kinder und Jugendliche für das Musikmachen zu begeistern, weil die digitale, virtuelle Erlebniswelt eine ernst zunehmende Konkurrenz geworden ist? Ist der schnelle Spaß am Gerät ein Leistungs- und Motivationskiller für jene Tätigkeiten, die Ausdauer und Fleiß benötigen? Ich persönlich bin nach Abwägung aller Faktoren nicht allzu optimistisch, auch wenn handgemachte Musik im digitalen Zeitalter eine neue Bedeutung erlangt.

Zutat 1:
Ein Gitarrenlehrer-Kollege rief mich vor ein paar Monaten an, und schilderte einen recht plötzlichen und heftigen Einbruch seiner Schülerzahlen, so dass er in existentielle Schwierigkeiten zu geraten droht. Manchmal ist es einfach Zufall, dass viele Schüler zur gleichen Zeit mit dem Gitarrenunterricht oder dem Gitarrespielen insgesamt wieder aufhören wollen. Dennoch beklagte mein Kollege, dass die "Durchhaltezeit" der Gitarrenschüler im Laufe der Jahre seiner Unterrichtstätigkeit seinem Empfinden nach zurückgegangen ist.

Zutat 2:
Ich besuchte auf Wunsch meiner Kinder eine Spielzeugmesse. Dort konnten die neuesten Versionen populärer Computerspiele getestet werden. Keine Ballerspiele sondern "liebe" Spiele. Und es war eine kleine Bühne aufgebaut, auf der man mit Guitar Hero bzw. Band Hero als Rockstar "auftreten" konnte. Ich weiß von dem Spiel seit seiner Markteinführung vor ein paar Jahren, habe mich aber nicht detailliert damit befasst. Bei Guitar Hero geht es wohl zunächst darum, auf einem gitarrenähnlichen Plastikgehäuse vier Knöpfe zum jeweils richtigen Zeitpunkt zu drücken. Im Prinzip geht es darum, zu spielen Gitarrespielen zu können und als Gitarrenstar zu posieren. 

Einfach mal Zusammenmixen

Das eine hat mit dem anderen eigentlich nichts zu tun. Für mich wäre es höchstens plausibel, dass Guitar Hero seine enthusiastischsten Spieler vielleicht sogar dazu bewegen könnte, richtig Gitarre spielen zu lernen und einen Lehrer aufzusuchen. Demgegenüber wäre die Idee an den Haaren herbei gezogen, dass die Schüler meines Kollegen mit dem Unterricht aufhören, weil sie lieber Guitar Hero spielen wollen. 
Trotzdem wundere ich mich ein wenig, wenn da ein Kid auf der Messe-Bühne steht und mit großem Eifer und Fertigkeit die vier Knöpfchen drückt. Ist das ein richtiger Gitarrist oder ist das ein Freak, der stundenlang Guitar Hero gespielt hat? Ich fände einen Gitarristen seltsam, der sich in solche Als-Ob-Welten begibt anstatt ordentlich zu musizieren. Aber wie seltsam ist es erst, wenn jemand richtig übt, um auf so einem Plasteding rumzudrücken? Ich glaube, dass das noch nicht mal Töne macht. 

Fleißig spielen üben

Doch vielleicht braucht es gerade so ein albernes Spielzeuggitarrenspiel, um uns die aktuelle Gesamtsituation bewusst zu machen. Kinder und Jugendliche verbringen heutzutage viele Stunden pro Woche damit, Spiele am Rechner zu spielen - fleißig zu üben, fleißig zu lernen und Erfolge zu haben. Sie nehmen ihre Spielwelt ernst, reden darüber und interessieren sich dafür, wie andere spielen. Spielen heißt Lernen, auch am Rechner. Doch was lernt man? Darüber streiten sich die  Gelehrten. Die einen behaupten beispielsweise, dass heutige Fußballspieler eine bessere Raumorientierung auf dem Spielfeld haben, weil sie mit dem Spiel FIFA 20xx groß geworden sind. Andere behaupten, dass Videospiele schädlich für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind.

Konkurrenzveranstaltung

Am Beispiel von Guitar Hero wird deutlich, dass ein pauschales Urteil der Wirklichkeit nicht gerecht wird. In erster Linie lernt der Spieler dieses Spiel genau so zu spielen, wie es der Entwickler vorsieht. Hier gilt es, Reaktionsschnelligkeit, Fingerkoordination und schließlich auch Rhythmusgefühl zu trainieren. Das ist gut, gerade aus musikpädagogischer Sicht. Guitar Hero könnte durchaus die Einstiegsdroge (im positiven Sinne) eines ambitionierten Gitarristen sein. Wo also ist das Problem?
Das Problem ist, dass die Welt des realen Musiklernens geradezu grau ist im Gegensatz zur bunten Spielwelt am Computer. Guitar Hero ist eine Glückspille mit Suchtpotential, und  vergleichsweise ist die Auseinandersetzung mit der widerspenstigen physikalischen Klangerzeugung auf einer echten Gitarre eine Qual. 
Wenn von diesem Computerspiel eine Motivation für die echte Gitarre geweckt werden sollte, muss sie in Relation zu den Erwartungen gestellt werden, die in der virtuellen Welt entstanden sind. Diese Erwartungen sind äußerst hoch. Das Gitarre-lernen-Spielen ist der Konkurrent des Gitarre-spielen-Lernens. Es macht einfach Laune. 

Die digitale Gitarre von morgen?

Die Motivation eines Guitar Heros ein echter Gitarrist zu werden, könnte durchaus an der als zu hart empfundenen Realität des Gitarrelernens sterben. Obwohl man weiß, dass mit so einer Spielzeuggitarre kein Blumentopf zu gewinnen ist. Doch letzteres könnte ja nur ein konventioneller Gedanke sein. Man nennt ja heute Leute durchaus Musiker, die gar kein Instrument spielen (können), sondern Technotracks am Rechner produzieren. Und es bedarf keiner allzu großen Fantasie sich vorzustellen, dass man so eine Spielzeuggitarre zu einem bühnentauglichen Instrument weiterentwickeln könnte, indem man es z.B. mit einer elektronischen Klangquelle verbindet. Jugendliche lieben unkonventionelles. Und vielleicht ist das ja auch ein Hauch jugendgemäßen Protestes. Die Abgrenzung zum Hippie-Klampfen-Lehrer, der nach wie vor auf akustische und elektroakustische Musik schwört. Andererseits leben wir in Zeiten, in denen auch für die älteren Erwachsenen digitale Musik selbstverständliches Allgemeingut ist. Doch das Ende handgemachter Musik ist nicht abzusehen, im Gegenteil: Die digitale Realität macht das Handwerk erst wieder richtig interessant. Außerdem bin ich der Meinung, dass digitale Musik umso besser ist, je besser das Musikverständnis durch die Beherrschung mindestens eines Instruments ausgeprägt ist.

Eine Frage der Zeit

Aber für die meisten Kinder und Jugendlichen ist entscheidend, was sie in ihrer Freizeit gerne machen, völlig unabhängig von dem Traum ein Musikstar zu werden. Dass ein zunehmender Teil der Aktivitäten aus Zocken und Medienkonsum besteht, ist unzweifelhaft. Irgendwo muss diese Zeit aber herkommen, und vor allem müssen irgendwo auch die Kapazitäten herkommen. Wer 2 Stunden gezockt hat, wird danach weder Lust noch Energie haben, eine halbe Stunde Gitarre zu üben. Und vielleicht hat er auch keine Zeit, denn der Tag hat auch nach der digitalen Revolution nur 24 Stunden. Man muss sich einteilen, wie lang man seine Zeit  mit welcher Tätigkeit verbringt. Die virtuelle Spiel- und Lernwelt tritt mit der realen Spiel- und Lernwelt in unmittelbare Konkurrenz. 

Insofern könnte der Erfolg eines Videospiels durchaus eine Teilerklärung dafür liefern, warum es Gitarrenlehrer irgendwie schwerer haben. Hinsichtlich der Zahl von Schülern, hinsichtlich deren Motivation und hinsichtlich deren Kapazitäten. Man muss sich fragen, ob es die Computerspiele und die digitalen Medien wert sind, dass unsere Kinder einen großen Teil ihrer Lernkapazitäten dafür verwenden und diese von konventionellen Spielen und Freizeitbeschäftigungen wie z.B. dem Musizieren abziehen. Und auch von der regulären Schule. Ist es ok, dass sie sich damit dem Einfluss derer zunehmend entziehen, die ihnen etwas beibringen wollen, das sie aus eigener Erfahrung für wert oder wichtig erachten?   

Eine Gitarrenstunde müsste 25,35 EUR kosten

Wieviel Euro würde eine Gitarrenstunde kosten, wenn der Gitarrenlehrer wie ein durchschnittlicher Vollzeit-Arbeitnehmer bezahlt werden würde? Das lässt sich mit Hilfe ein paar statistischer Daten ausrechnen. Und wen wundert es ? ... natürlich verdienen die Gitarrenlehrer weniger als der Durchschnitt, vergleichsweise soviel wie ein Kellner mit Trinkgeld. 

Kaum eine Frage wird den privaten Gitarrenlehrer brennender interessieren als die Frage, welches Honorar er für seinen Unterricht verlangen kann bzw. soll. Eine ganze Reihe von Faktoren fließen bei der Kalkulation ein. Oft erübrigt sich eine Berechnung und man orientiert sich an den ortsüblichen Sätzen. 
In meiner Gitarrenlehrer-Datenbank haben 1200 private Gitarrenlehrer aus Deutschland (Musik- oder Gitarrenschulen ausgenommen) ihren derzeitigen Stundenpreis für eine Einzelstunde 45min angegeben. Der Preis ist für eine Vergleichbarkeit i.d.R. als 'Jahresgebühr geteilt durch vereinbarte Stundenzahl' zu verstehen. Der anhand der eingetragenen Daten ermittelte Durchschnittspreis für eine 45minütige Einzelunterrichtsstunde beträgt aktuell 21,60 EUR.   
Stundenpreise unter 10 EUR habe ich nicht berücksichtigt, da es sich dabei wohl eher um ein Taschengeld für Hobbygitarristen oder um unseriöse Angaben handelt. Regionale Unterschiede wie z.B. zwischen einer Großstadt wie München und einer Kleinstadt in der ostdeutschen Provinz sind statistisch nicht herausgerechnet. 
Dennoch sieht mir dieses Ergebnis stimmig aus. 

In einer Marktwirtschaft sind Preise letztlich ein Abbild von Angebot und Nachfrage. Das, was ein selbständiger Gitarrenlehrer verdienen will, muss der Schüler zahlen. 
Dennoch werden oft Klagen laut, dass der Beruf des Musikpädagogen (mit Abschluss) gering geschätzt und unterbezahlt ist. Dies war für mich Anlass, eine Rechnung aufzustellen. Was müsste ein Gitarrenlehrer pro 45min Einzelunterrichtstunde verdienen, wenn sich die Bezahlung an einem durchschnittlichen Gehalt orientierte?

Die wenigsten Schüler interessieren sich wirklich für die Qualifikation ihres Lehrers. Das ist für den Diplom-Musik-Pädagogen nicht gerade vorteilhaft, aber auch nicht zu ändern. Ich behaupte aber, dass ein Hochschulabschluss und damit ein staatlich anerkannter Beruf den Diplom-Musik-Pädagogen in den Stand erhebt, für seine Arbeit und seine Qualifikation ein durchschnittliches Gehalt erwarten zu dürfen. So wie es beispielsweise ein nicht studierter Facharbeiter erhält. Diese Annahme ist Grundvoraussetzung für meine Rechnung.  
Für das Durchschnittseinkommen (brutto) in Deutschland wird es variable Angaben geben. Ohne lange zu suchen, schenke ich einem FOCUS-Artikel aus dem Jahre 2017 Glauben und entnehme den Satz: "Das deutsche Durchschnittsgehalt für Vollzeitbeschäftigte liegt bei knapp über 3000 Euro."

Ist ein Gitarrenlehrer vollzeitbeschäftigt? Ich denke, die allermeisten eher nicht. Entweder weil sie nebenbei auch praktizierende Musiker sind oder weil sie mit einem Teilzeitjob auskommen. Aber wenn wir Vergleiche schaffen wollen, dann müssen wir den Job "Gitarrenlehrer" auf eine Vollzeitstelle hochrechnen. Ohne Quellenangabe behaupte ich, dass eine Vollzeitstelle 40 Arbeitsstunden pro Woche umfasst. Ein Lehrer, egal ob vor einer Klasse oder einem einzelnen Schüler, muss und kann aber nicht 40 Stunden in der Woche unterrichten. 
Widersprechen Sie mir bitte, aber ich halte eine maximale Unterrichtstätigkeit von 5 Uhrzeitstunden  am Werktag, so etwa 14 - 19 Uhr ohne Pause für hart, aber annehmbar. Das ist zwar mehr als ein Lehrer an einer Schule unterrichtet aber eben vorwiegend Einzelunterricht. Wir merken uns 5 Stunden pro Tag, rechnen aber weiter.

Jeder Arbeitnehmer hat Urlaub, auch unser gedachter Vollzeit-Lehrer. Hier nehme ich die Zeitung Die Welt beim Wort und zitiere: "Im Durchschnitt beträgt der Urlaubsanspruch in Deutschland knapp 27 Tage." Problematisch beim Vergleich mit normalen Vollzeitarbeitern sind bei Lehrern die Schulferien. So man diese beim Gitarrenlehrer als Urlaub bezeichnen möchte, liegt die Zahl seiner Urlaubstage deutlich höher. Um Gleichheit zu schaffen, müssen also die Schulferien auf die durchschnittliche Urlaubszeit schrumpfen. Das  Jahr hat im Schnitt 250 reguläre Arbeitstage. Nach Urlaub verbleiben also 223 Unterrichtstage für den Gitarrenlehrer.   

Ein kleines Problem: Unser Vollzeit-Gitarrenlehrer dürfte wie jeder Vollzeitarbeiter auch mal bezahlt krank sein. Ein selbstständiger Gitarrenlehrer allerdings, auf den diese gesamte Rechnung am Ende hinzielen soll, verdient bei Krankheit kein Geld. Wir müssten demnach die durchschnittlichen Krankheitstage im Jahr noch von den Arbeitstagen abziehen. Das statistische Bundesamt sagt: "... Arbeitnehmer 2015 zehn Tage krank gemeldet". Also stehen am Ende 213 Tage Unterricht .

Die Arbeitstage müssen nun mit der Unterrichtszeit pro Tag multipliziert werden, um die Jahresarbeitszeit zu errechnen. Das wären: 213 x 5 = 1065 Jahresarbeitsstunden.

Wenn nunmehr das Jahresgehalt (3000 EUR x 12 = 36000) durch die Anzahl der Jahresarbeitsstunden  (1065) geteilt wird, erhalten wir einen Brutto-(Uhrzeit-)Stundensatz. Und dieser liegt bei  33,80 EUR. Umgerechnet auf eine Unterrichtseinheit von 45min wäre das ein Brutto-Honorar von 25,35 EUR.

Ergebnis: Wenn ein Gitarrenlehrer mit einem durchschnittlichen Stundensatz bezahlt werden würde, dann müsste er 25,35 EUR bekommen. 

Einschränkend kommt hinzu, dass diese Zahl nach Abzug aller Ausgaben im Zusammenahng mit dem Unterricht zu sehen ist, z.B. Miete eines Raumes oder Kosten für Inventar/Material/Organisation usw..

Wenn Sie ein anderes Durchschnittseinkommen zugrunde legen möchten, hier ein paar andere Ergebnisse:

30000 EUR pro Jahr =  21,13 EUR pro 45min
40000 EUR pro Jahr =  28,17 EUR pro 45min
45000 EUR pro Jahr = 31,69 EUR pro 45min
50000 EUR pro Jahr = 35,21 EUR pro 45min
55000 EUR pro Jahr = 38,73 EUR pro 45min

Schlussbetrachtung:
Wir liegen - wie eigentlich zu erwarten war - bei einem errechneten Preis, der deutlich höher als der tatsächlich verlangte ist. Auch weil in dem aktuell gemessenen Durchschnittspreis (s.o.) etwaige Kosten für Mieten/Ausgaben enthalten sind.

Wenn wir zum Schluss noch einmal zurückrechnen, und den Durchschnittslohn laut Datenbank auf ein Jahresgehalt hochrechnen, dann können wir mit Hilfe der Seite absolventa den Beruf des Gitarrenlehrers einkommenstechnisch verorten. Und was sehen wir da?
Nur im Schlusslicht - Industriebereich Gastgewerbe - verdient man (ohne Trinkgeld) weniger als ein Gitarrenlehrer. Der Bereich "Erbringung sonstiger Dienstleistungen" liegt etwas drüber, aber wäre in etwa der, wo man sich einordnen müsste. Wer in "Erziehung und Unterrricht" nicht gerade als Musiklehrer arbeitet, verdient 1,5 mal mehr als ein Gitarrenlehrer. Und wer meint, dass man als Gitarrenlehrer evtl. mit der "Erbringung von freiberuflichen ... Dienstleistungen" dient, der müsste ca. 40 EUR pro 45min Einzelunterricht verlangen.
Im Bereich "Studiengänge" geht es übrigens erst bei 40000 EUR los. Mit anderen Worten: der ärmste Akademiker verdient ca. 40% mehr als ein studierter Gitarrenlehrer auf dem freien Markt.

So, und zum Schluss sei noch bemerkt, dass es Gitarrenlehrern bestimmt noch ganz gut im Vergleich zu Geigen- oder Trompetenlehrern geht. Denn bei uns ist ja wenigstens die Nachfrage da.