In Memoriam - Detlef Hasselemeyer

Vor ein paar Wochen erreichte mich die Nachricht vom Tode des Dresdner Gitarristen, Pädagogen und Autors  Detlef Hasselmeyer. Er war über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt und dürfte auch den Netzaktivisten im Bereich Gitarre ein Begriff sein. Wir verlieren nicht nur einen aktiven Mitstreiter sondern leider auch seine sehr informative Website. Ich möchte anhand seiner "Beiträge zum Wechselschlag ..." an ihn, an seine Ideen und - wenn man so will - an sein Lebenswerk erinnern.

Das erste Mal begegnete ich Detlef Hasselmeyer im Rahmen eines Workshops während meines Studiums an der Dresdner Musikhochschule Mitte der neunziger Jahre. Er - sozusagen in der Weiterbildung, ich in der Ausbildung. Sein frischer, neugieriger und findiger Geist ist in meiner Erinnerung haften geblieben. 
Das zweite mal dann, mehr als zehn Jahre später, nahm er aufgrund meiner Veröffentlichungen im Internet Kontakt zu mir auf. Digital und geografisch waren wir Nachbarn. Wir trafen uns und loteten Möglichkeiten einer Zusammenarbeit aus, in deren Folge die Website gitarrennoten-online.de entstand. Dort sind hauptsächlich von ihm editierte Gitarrennoten zu finden. Er verfügte über einen riesigen Fundus an Unterrichtsmaterial, das er - immer auf der Höhe der Zeit - sorgsam digitalisierte. und in Datenbanken mit Werken anderer Autoren verwaltete. 
Detlef Hasselmeyer war ein klassischer Gitarrist, und ein Gitarrenlehrer, der klassische Gitarre unterrichtete. Seine Untersuchungen zu spieltechnischen, methodischen und didaktischen Problemen sind demnach auch auf die klassische Konzertgitarre ausgerichtet. Meiner kleinen Recherche zufolge sind der Nachwelt leider nur noch wenige seiner Beiträge öffentlich zugänglich. Seine Websites sind abgemeldet, aber ich fand neunzehn seiner Publikationen hier bei  yumpu.com . 
Die "Beiträge zum Wechselschlag" Teil 1, Teil 2 und Teil 3 sind nur ein Bruchteil dessen, was Hasselmeyer ausgearbeitet und publiziert hat, aber ich möchte sie stellvertretend für all seine Ideen und stellvertretend für sein gesamtes Schaffen und seine Vortragstätigkeit an dieser Stelle noch einmal beleuchten. 

Hasselmeyer war von der Suche nach dem Weg zu spielerischen Höchstleistungen getrieben - zu seinen eigenen, aber selbstverständlich auch zu denen seiner Schüler. Höchstleistungen und Geschwindigkeit haben etwas miteinander zu tun. Man kann darüber debattieren und philosophieren - aber irgendwie steht doch fest: Das schnelle virtuose Melodiespiel ist allgemein ein Gradmesser für die Beherrschung eines Instrumentes, nicht nur bei der Gitarre.
Ein Musiker, sein Instrument und seine Musik stehen in einem zeitlichen Kontext. Ich würde behaupten wollen, dass es Zeiten gibt, in denen sich Menschen mehr oder weniger für ein spezielles Instrument oder einen Stil und mehr oder weniger für eine Art von Virtuosität interessieren. Hasselmeyer interessierte sich für den schnellen Wechselanschlag (m-i oder a-m-i). Spätestens seit "Friday Night in San Francisco" wird das den Zeitgenossen mit Fokus auf Konzertgitarre nicht anders ergangen sein. Warum kann Paco de Lucia mit Fingern genauso schnell spielen wie John McLaughlin mit Plektrum?  Warum können das nur relativ wenige Gitarristen? Fleiß?  Begabung?  Magie?
Hasselmeyer analysiert Quellen, befragt Experten, probiert in der Praxis aus, rechnet und programmiert. Und ich denke, dass er die Lösung gefunden hat: Die maximale Frequenz, mit der man einen Finger immer wieder zum Anschlag bringen kann, ist physiologisch bei jedem Menschen mit ein wenig Übung und Lockerheit in etwa gleich festgelegt. Die Vervielfachung dieser Geschwindigkeit unter Hinzunahme weiterer Finger kann nur erreicht werden, wenn die Rückbewegungen synchronisiert werden. Rückbewegungen können nur dann synchron erlernt werden, wenn sie auch klingen, was uns zu Techniken wie Dedillo bzw. Rasguedo führt.  
Anders formuliert: Wer Rasguedo in beide Richtungen mit i und m übt, tut etwas für seinen Wechselschlag. Und obwohl es wie eine Binsenweisheit klingt, ist die wichtigste Feststellung Hasselmeyers in diesem Zusammenhang, dass kleinste, nicht feststellbare aber sehr wohl automatisierte Ungenauigkeiten im langsamen Tempo die Ursache für die Probleme im schnellen Tempo sind. 
Seine Kritik richtet sich an den Lehrer, der die Schüler auf einen problematischen Weg schickt, mit dem Argument, dass er ihn selbst so gegangen ist. Er fordert den Lehrer auf, genauso lernfähig zu sein wie er es von den Schülern verlangt. Er erkennt dabei die Schwerkraft des Eingeübten - der bereits existierenden Programme - wie er es nennt. 
Hasselmeyer ist keiner, der leichtfertig Thesen aufstellte. Er stellte sich nicht als Missionar dar und er hat nicht den Nimbus des Gitarrengotts, dem die Leute alles glauben. Er hat über viele Jahre hinweg akribisch gearbeitet, ganz konkrete Fragestellungen verfolgt und ganz konkrete Antworten zutage gefördert. Ich vermute aber, dass sich die Verbreitung seiner Theorien und Ideen in Grenzen hält, jetzt erst recht, wo sie dem breiten Publikum nicht mehr zugänglich sind. Er schreibt mir in einer Email im Jahre 2008: "Nur wen interessiert das eigentlich noch? Ich habe viele Kurse durchgeführt und die Erfahrung gemacht, dass Lehrer wenig Interesse haben, ihre eigene Arbeitsweise zu ändern."
Abgesehen davon wird dem jüngeren Publikum bei der Sichtung des Gesamtwerks Hasselmeyers wohl klar, dass man in der Praxis mit rein klassischem Gitarrenspiel und einem von Volkslieder und Klassik dominierten Lehrrepertoire Schüler mit der besten Methodik nicht mehr erreicht. Dort gilt es anzusetzen und die Erkenntnisse Hasselmeyers direkt für die Modernisierung des Akustik-Gitarren-Unterrichtes zu nutzen. Moderne Begleittechniken mit Fingern sind populär - ideal für Dedillo.: Wechselschlag im Melodiespiel nach hinten schieben; Timing sofort am Anfang fokussieren; langsames stressfreies Üben fördern; raffinierte Methoden ersinnen - das ist meiner Meinung nach moderner Unterricht. Aber - und das muss ich betonen und werde es auch noch in anderen Blogeinträgen vertiefen: Es geht um Musik und um Emotion, um Spaß an der Sache oder gar um Leidenschaft - Methodik und Didaktik laufen ins Leere, wenn der Schüler emotional nicht berührt wird. Zeitgemäß zu bleiben ist auch eine Form von Lernen bei Lehrern.

„Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.“ sagt Robert Lembke. Ich hoffe, dass etwas bleibt bzw. im Netz wieder auftaucht von dem, was uns Hasselmeyer hinterlassen hat.  
Ich verneige mich vor einem Menschen, den ich sehr schätze für seine Leistungen und seine Art zu denken und zu arbeiten und an den ich auch immer wieder denken werde, beim Lehren, beim Üben und wenn ich mal in Dresden in der Ecke bin, wo er lebte. 
  






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