Für mehr Realismus im Gitarrenlehrplan

Kaum ein Instrument neben dem Piano bietet soviel Raum, die musikalische Lebenswelt der Schüler in den Unterricht zu holen, wie die Gitarre. Dennoch verharren viele Lehrpläne in einer Welt, in der die Gitarre eher wie ein klassisches Orchesterinstrument behandelt wird. Irgendwann kündigt jeder Schüler, aber es ist die Frage, ob er bis dahin etwas gelernt hat, das ihm erhalten bleibt.

Für die meisten Gitarrenschüler bleibt die Musik ein Hobby unter vielen und der Instrumentalunterricht eine Episode, die im Schnitt vielleicht 3 Jahre dauert. Etwa nach dieser Zeit lassen sich weitere Lernfortschritte nicht mehr ohne Anstrengung erzielen. Es entsteht ein Status Quo, von dem es bis zur Kündigung des Unterrichtsverhältnisses oft nicht mehr weit ist. Die vorgetragenen Anlässe mögen verschieden sein, aber der Grund ist, dass der Aufwand (Geld, Zeit, Mühe usw.) den gefühlten Nutzen übersteigt.    
Ein Instrumentallehrer kann es schaffen, diesen Punkt hinaus zu zögern. Vielleicht so, wie Ärzte das Ende des Lebens hinauszögern können. Aber die Schülerfluktuation ist ein Faktum, das man meiner Meinung nach in den Inhalten der Gitarrenausbildung besser berücksichtigen sollte. 

Entscheidend ist für mich die Frage, was ein Durchschnittsschüler an der Gitarre leisten kann, wenn er nach 3 Jahren kündigt. Sofern er sich bis dahin durch 2 Bände konzertgitarristischen Anfangsunterricht gequält hat, kann er mit Ach und Krach vielleicht ein zweistimmiges Stück nach Noten spielen. Und zwar so, dass jeder Laie hört, dass es weder gewollt noch gekonnt ist. In der Regel sind diese Stücke didaktische Kunstgebilde, die man nirgends hört: Nicht im Radio, nicht auf der Bühne, auch nicht im Proberaum - nur in der Musikschule. Der Schüler hat selber schon lange mitgekriegt, dass seine Stücke, die sich "Crazy Blues" oder "Rocking Guitar" nennen, nicht nach Blues oder Rock klingen. Und er hakt das Kapitel Gitarre ab. 

Weil er eben nur ein ganz normaler Schüler ist, hat er am Ende kaum etwas erreicht. Die konventionelle konzertgitarristische Ausbildung ist in der Praxis eine Autobahn ohne Abfahrten. Und es ist eine lange Autobahn, man schaue sich nur mal ein Gitarrenlehrwerk an, das Wert auf Vollständigkeit legt. Das sind dann schon mal 200 Seiten, an dessen Ende gerade mal das VdM-Grundstufenniveau erreicht ist.     

Das Endziel einer Autobahn kann ja gern ganz weit entfernt sein, aber die Wegstrecke dahin muss Ausfahrten haben. Und die Autobahn muss in die Nähe sinnvoller Ausfahrtziele geleitet werden. Man kann beispielsweise von Hamburg nach München auf der Autobahn fahren. Aber die Autobahn wurde nicht auf direktem Wege gebaut, sondern sie verbindet alle Städte, die zwischen Hamburg und München liegen. 

Ein Schüler sollte schon nach einem halben Jahr etwas vorzeigbares können, das er am besten sein Leben lang behält - z.B. ein Lied mit zwei Akkorden ohne Noten zu begleiten, mit Plektrum oder Daumenanschlag und mit Griffen, die auch die Stones benutzt haben. Das schaffen auch Kinder im Grundschulalter. Nicht klangperfekt, aber im Bewusstsein, dass "die Großen" auch sowas machen.

Ein Ausfahrtziel kann alles sein, was einen praktischen Bezug hat. Ein Lied nach Gehör begleiten, aus dem Songbook prima Vista spielen, irgendwas mehrstimmges improvisieren usw.. Ausfahrtziele sollten aber nicht sein, dass der Schüler ein Stück X aus der Leistungskategorie Y spielen kann. 

Nichts gegen das Stückespielen, aber ohne Praxiswissen im Hintergrund sind Stücke nur verstreute Mosaiksteinchen, die zusammengelegt kein Bild ergeben. Man vergisst sie schnell wieder, selbst wenn man die Noten dazu hat. Ein durchschnittlicher Schüler betreibt keine Repertoirepflege, er lernt nur für den Unterrricht. Und das ist schon viel. Ohne Unterricht schmilzt nach der Kündigung alles weg. Und eine Spielpraxis gibt es für leichte Gitarrenliteratur solo nicht. Von Omis Geburstag einmal abgesehen. 

Für alles, was einen gewissen praktischen Nutzen verspricht, lässt sich Motivation leichter gewinnen. Eine Ausbildung, die sichtbar an der Praxis orientiert ist, genießt beim Schüler einen höheren Respekt. Das ist auch der Grund, warum der Alleinunterhalter von nebenan einen durchaus guten Job als Gitarrenlehrer machen kann. Er verkörpert den Sinn praktischer Inhalte und ist nah dran an seinem Gegenüber - dem Hobbymusiker. 

Ich las vor kurzem, dass Kinder und Jugendliche durchaus zu motivieren sind, indem man ihnen in Aussicht stellt, mit zu lernenden Dingen später einmal Geld verdienen zu können. Kein ideales Argument, aber auch nicht viel besser als solche Sprüche wie "Musik macht intelligenter", "Musik macht Freunde" oder "Wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen". 

In der Lebenswelt sehen wir Gitarren auf der Showbühne, am Lagerfeuer, in der Weihnachtsstube und in der Innenstadt beim Straßenmusiker. Was da gespielt wird, interessiert den Schüler und sollte Thema der ersten 3 Jahre Gitarrenunterricht sein. Nur ein kleiner Bruchteil der Schülerschaft ist bereits anfangs an Klassik, Latin, Jazz usw. interessiert. Ein weiterer Bruchteil lässt sich dafür irgendwann begeistern. Aber für den wesentlichen Teil ist die Gitarre das, was sie in der Praxis ist: ein gut transportierbares Instrument zur rhythmisch-harmonischen Begleitung. 

Um Spezialisten, Überflieger und fleißige Bienchen muss ich mir erstmal keine Gedanken machen, wenn es um die Planung eines Unterrichtes geht, der für das Gros der Schüler ertragreich und für mich erträglich sein soll.

Und ich mache es so: Mit Akkorden, Rhythmus und Plektrumanschlag beginnen. Dann das Notenlesen durch Melodiespiel mit Plektrum einführen. Dann die klassische Technik (Picking) anhand von Begleitpattern vorstellen. Diese 3 Bausteine passen in 3 Jahre Ausbildung hinein. Der Schüler begreift sofort die Nützlichkeit jeder Technik. 
Und wer dann "Blut leckt", der beginnt den klassischen Weg zum mehrstimmigen Spiel oder spezialisiert sich anderweitig. Wer nach einem Jahr aufhört, kann wenigstens ein paar Akkorde schrubben. Wer nach 2 Jahren aufhört, ist ein Rhythmsugitarrist, der auch noch einstimmige Melodien lesen kann. Wer nach 3 Jahren aufhört, könnte in einer einfachen Band mitwirken oder zu Hause Gitarrentracks aufnehmen.

Und wer weitermacht, wird auf der Basis eines praktischen Wissens sehr schnell die Schritte zum mehrstimmigen Solospiel machen und nach 4 Jahren insgesamt weiter sein, als die wenigen, die 4 Jahre klassischen Unterricht überstehen und sich dann gegenüber dem Lehrer getrauen zu erwähnen, dass sie auch mal irgendwas spielen wollen, was mit unserem Musikalltag zu tun hat. 

Instrumentallehrer zwischen Sonderpädagogik, Edutainment und Erschöpfungsdepression

Haben Sie auch Schüler, die nicht oder nur ganz wenig üben? Wenn ja - wünschten Sie sich ein kleines Druckmittel, das sie aber nicht haben, weil ja jeder Schüler gleichzeitig ihr "König Kunde" ist? Haben Sie schlimmstenfalls manchmal das Gefühl, dass sie Verantwortung dafür haben, dass ihr Schüler keine Lust hat? Das negative Gefühl bei der Arbeit verringert sich deutlich, wenn man den sonderpädagogischen Status des privaten Instrumentallehrers akzeptiert und versucht, mit weniger Eifer mehr Spaß zu haben ... und am Ende sogar mehr Erfolg.  

Die meisten Instrumental-Unterrichtsverhältnisse sind privatwirtschaftlich organisiert. Der Instrumentallehrer ist ein Dienstleister und der Schüler ein Kunde, welcher für das Honorar des Lehrers aufkommt - mindestens. Diese Realität wird zuweilen verdeckt, weil Eltern die "Auftraggeber" sind. Aber im Grunde ändert es nichts daran: Im Instrumentalunterricht geht es antiautoritärer zu als in der Waldorfschule. Es gibt kein definiertes Ausbildungsziel, keine  Leistungsnachweise und keine festgelegte Ausbildungsdauer. Der Schüler wird solange unterrichtet, wie er lustig ist. Die Pädagogik folgt deshalb dem Lustprinzip. Eigentlich ist das paradox. Instrumentalunterricht ist eine spezielle Form der Unterhaltungskunst geworden. Man muss das nicht anerkennen, aber dann muss man damit leben, dass einem die Schüler davonlaufen. Doch bevor sie weglaufen, gehen sich Lehrer und Schüler für ziemlich viel Geld gehörig auf die Nerven. 

Instrumentalunterricht ist für den Schüler eine Freizeitaktivität, die - egal ob Kind oder Erwachsenener - mit vielen anderen Aktivitäten konkurriert. Im besten Falle werden die Kapazitäten von Pflichten wie Ausbildung, Arbeit oder Familie beschnitten. Oft ist es aber schlicht und ergreifend die mangelnde  Lust. Das ist auch ganz normal, denn andere Aktivitäten sind attraktiver als das Musikmachen (vom Üben will ich ja gar nicht reden). 
Kein Spaß - kein Erfolg, kein Erfolg - kein Spaß. Der Instrumentallehrer ist ein Sonderpädagoge. Seine besondere Fähigkeit besteht darin, geschickt in diese Abwärtsspirale einzugreifen, welche sich meist schon nach wenigen Monaten zu drehen beginnt. Und eine weitere besondere Fähigkeit sollte darin bestehen, das Frustrationspotential einzuschätzen, das durch zu hohe Ansprüche in der  musikalischen (Volks-)Bildung entsteht - vor allem beim Lehrer, denn er kann höchstens den Job, nicht aber die Schüler wechseln. Etwas krass formuliert hat er langfristig die Wahl zwischen Edutainment und Erschöpfungsdepression.  

Was meine ich mit Edutainment (Wortgemisch aus Education und Entertainment)? Ein Bildungsunterhalter geht grundsätzlich davon aus, dass der Schüler keine Leistung zu erbringen hat, außer am Unterricht teilzunehmen und dafür zu bezahlen. Der Edutainer bietet, genauso wie ein Entertainer, ein von ihm erarbeitetes Programm an. Er geht davon aus, dass dieses Programm letztlich die vom Rezipienten gewünschte Wirkung hat, welche konkret wäre, dass der Schüler Musikmachen können soll. Ein Unterhaltungskünstler kann das Publikum nicht dazu verpflichten, dass es klatscht und tanzt und mitsingt, obwohl das Publikum genau das am liebsten möchte. Analog dazu ist sich der Edutainer dessen  bewusst, dass allein der Inhalt seines Programms den Schüler zur (durchaus notwendigen und letztlich von beiden Seiten gewollten) Mitarbeit ( = zu Hause üben) bewegen kann. Und am besten wäre es, wenn er seine Darbietung zur Not auch ohne Mitarbeit des Schülers erbringen kann - so wie ein guter Unterhaltungskünstler auch mit widrigsten Publikumsverhältnissen umgehen können sollte. 

Gehen Sie vielleicht einfach mal davon aus, dass Ihr Schüler nicht übt. Nehmen Sie an, dass der Schüler nur im Unterricht das Instrument anfasst. Schauen Sie, ob es irgendeinen Weg gibt, mit ihm auf niedrigstem Niveau zu musizieren. Geben Sie vorsichtshalber jegliches Wollen in Bezug auf Ihren Schüler auf. Überlegen Sie nur, wie Sie ihm das Gefühl geben können, dass alles easy und unterhaltsam und spaßig ist. Machen Sie sich das Geldverdienen so schön und stressfrei wie möglich. Überlegen Sie aber, was Sie diesem uneffektiven Spaßunterricht für ihr eigenes Weiterkommen abgewinnen können und benutzen Sie die minimalen Fähigkeiten des Schülers für Ihre Zwecke. Z.B., dass Sie zum simplen Spiel Ihres Schülers auf höchstem Niveau improvisieren. Machen Sie Musik: David mit Goliath. So müssen Sie nicht warten, dass sich irgendwann was ändert und der Schüler womöglich beginnt, ernsthaft mitzuarbeiten. Ich muss Sie allerdings warnen, dass genau das dann passieren könnte. 

Gitarre spielen lernen oder Gitarre lernen spielen?

Haben es Gitarrenlehrer heutzutage schwerer, Kinder und Jugendliche für das Musikmachen zu begeistern, weil die digitale, virtuelle Erlebniswelt eine ernst zunehmende Konkurrenz geworden ist? Ist der schnelle Spaß am Gerät ein Leistungs- und Motivationskiller für jene Tätigkeiten, die Ausdauer und Fleiß benötigen? Ich persönlich bin nach Abwägung aller Faktoren nicht allzu optimistisch, auch wenn handgemachte Musik im digitalen Zeitalter eine neue Bedeutung erlangt.

Zutat 1:
Ein Gitarrenlehrer-Kollege rief mich vor ein paar Monaten an, und schilderte einen recht plötzlichen und heftigen Einbruch seiner Schülerzahlen, so dass er in existentielle Schwierigkeiten zu geraten droht. Manchmal ist es einfach Zufall, dass viele Schüler zur gleichen Zeit mit dem Gitarrenunterricht oder dem Gitarrespielen insgesamt wieder aufhören wollen. Dennoch beklagte mein Kollege, dass die "Durchhaltezeit" der Gitarrenschüler im Laufe der Jahre seiner Unterrichtstätigkeit seinem Empfinden nach zurückgegangen ist.

Zutat 2:
Ich besuchte auf Wunsch meiner Kinder eine Spielzeugmesse. Dort konnten die neuesten Versionen populärer Computerspiele getestet werden. Keine Ballerspiele sondern "liebe" Spiele. Und es war eine kleine Bühne aufgebaut, auf der man mit Guitar Hero bzw. Band Hero als Rockstar "auftreten" konnte. Ich weiß von dem Spiel seit seiner Markteinführung vor ein paar Jahren, habe mich aber nicht detailliert damit befasst. Bei Guitar Hero geht es wohl zunächst darum, auf einem gitarrenähnlichen Plastikgehäuse vier Knöpfe zum jeweils richtigen Zeitpunkt zu drücken. Im Prinzip geht es darum, zu spielen Gitarrespielen zu können und als Gitarrenstar zu posieren. 

Einfach mal Zusammenmixen

Das eine hat mit dem anderen eigentlich nichts zu tun. Für mich wäre es höchstens plausibel, dass Guitar Hero seine enthusiastischsten Spieler vielleicht sogar dazu bewegen könnte, richtig Gitarre spielen zu lernen und einen Lehrer aufzusuchen. Demgegenüber wäre die Idee an den Haaren herbei gezogen, dass die Schüler meines Kollegen mit dem Unterricht aufhören, weil sie lieber Guitar Hero spielen wollen. 
Trotzdem wundere ich mich ein wenig, wenn da ein Kid auf der Messe-Bühne steht und mit großem Eifer und Fertigkeit die vier Knöpfchen drückt. Ist das ein richtiger Gitarrist oder ist das ein Freak, der stundenlang Guitar Hero gespielt hat? Ich fände einen Gitarristen seltsam, der sich in solche Als-Ob-Welten begibt anstatt ordentlich zu musizieren. Aber wie seltsam ist es erst, wenn jemand richtig übt, um auf so einem Plasteding rumzudrücken? Ich glaube, dass das noch nicht mal Töne macht. 

Fleißig spielen üben

Doch vielleicht braucht es gerade so ein albernes Spielzeuggitarrenspiel, um uns die aktuelle Gesamtsituation bewusst zu machen. Kinder und Jugendliche verbringen heutzutage viele Stunden pro Woche damit, Spiele am Rechner zu spielen - fleißig zu üben, fleißig zu lernen und Erfolge zu haben. Sie nehmen ihre Spielwelt ernst, reden darüber und interessieren sich dafür, wie andere spielen. Spielen heißt Lernen, auch am Rechner. Doch was lernt man? Darüber streiten sich die  Gelehrten. Die einen behaupten beispielsweise, dass heutige Fußballspieler eine bessere Raumorientierung auf dem Spielfeld haben, weil sie mit dem Spiel FIFA 20xx groß geworden sind. Andere behaupten, dass Videospiele schädlich für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind.

Konkurrenzveranstaltung

Am Beispiel von Guitar Hero wird deutlich, dass ein pauschales Urteil der Wirklichkeit nicht gerecht wird. In erster Linie lernt der Spieler dieses Spiel genau so zu spielen, wie es der Entwickler vorsieht. Hier gilt es, Reaktionsschnelligkeit, Fingerkoordination und schließlich auch Rhythmusgefühl zu trainieren. Das ist gut, gerade aus musikpädagogischer Sicht. Guitar Hero könnte durchaus die Einstiegsdroge (im positiven Sinne) eines ambitionierten Gitarristen sein. Wo also ist das Problem?
Das Problem ist, dass die Welt des realen Musiklernens geradezu grau ist im Gegensatz zur bunten Spielwelt am Computer. Guitar Hero ist eine Glückspille mit Suchtpotential, und  vergleichsweise ist die Auseinandersetzung mit der widerspenstigen physikalischen Klangerzeugung auf einer echten Gitarre eine Qual. 
Wenn von diesem Computerspiel eine Motivation für die echte Gitarre geweckt werden sollte, muss sie in Relation zu den Erwartungen gestellt werden, die in der virtuellen Welt entstanden sind. Diese Erwartungen sind äußerst hoch. Das Gitarre-lernen-Spielen ist der Konkurrent des Gitarre-spielen-Lernens. Es macht einfach Laune. 

Die digitale Gitarre von morgen?

Die Motivation eines Guitar Heros ein echter Gitarrist zu werden, könnte durchaus an der als zu hart empfundenen Realität des Gitarrelernens sterben. Obwohl man weiß, dass mit so einer Spielzeuggitarre kein Blumentopf zu gewinnen ist. Doch letzteres könnte ja nur ein konventioneller Gedanke sein. Man nennt ja heute Leute durchaus Musiker, die gar kein Instrument spielen (können), sondern Technotracks am Rechner produzieren. Und es bedarf keiner allzu großen Fantasie sich vorzustellen, dass man so eine Spielzeuggitarre zu einem bühnentauglichen Instrument weiterentwickeln könnte, indem man es z.B. mit einer elektronischen Klangquelle verbindet. Jugendliche lieben unkonventionelles. Und vielleicht ist das ja auch ein Hauch jugendgemäßen Protestes. Die Abgrenzung zum Hippie-Klampfen-Lehrer, der nach wie vor auf akustische und elektroakustische Musik schwört. Andererseits leben wir in Zeiten, in denen auch für die älteren Erwachsenen digitale Musik selbstverständliches Allgemeingut ist. Doch das Ende handgemachter Musik ist nicht abzusehen, im Gegenteil: Die digitale Realität macht das Handwerk erst wieder richtig interessant. Außerdem bin ich der Meinung, dass digitale Musik umso besser ist, je besser das Musikverständnis durch die Beherrschung mindestens eines Instruments ausgeprägt ist.

Eine Frage der Zeit

Aber für die meisten Kinder und Jugendlichen ist entscheidend, was sie in ihrer Freizeit gerne machen, völlig unabhängig von dem Traum ein Musikstar zu werden. Dass ein zunehmender Teil der Aktivitäten aus Zocken und Medienkonsum besteht, ist unzweifelhaft. Irgendwo muss diese Zeit aber herkommen, und vor allem müssen irgendwo auch die Kapazitäten herkommen. Wer 2 Stunden gezockt hat, wird danach weder Lust noch Energie haben, eine halbe Stunde Gitarre zu üben. Und vielleicht hat er auch keine Zeit, denn der Tag hat auch nach der digitalen Revolution nur 24 Stunden. Man muss sich einteilen, wie lang man seine Zeit  mit welcher Tätigkeit verbringt. Die virtuelle Spiel- und Lernwelt tritt mit der realen Spiel- und Lernwelt in unmittelbare Konkurrenz. 

Insofern könnte der Erfolg eines Videospiels durchaus eine Teilerklärung dafür liefern, warum es Gitarrenlehrer irgendwie schwerer haben. Hinsichtlich der Zahl von Schülern, hinsichtlich deren Motivation und hinsichtlich deren Kapazitäten. Man muss sich fragen, ob es die Computerspiele und die digitalen Medien wert sind, dass unsere Kinder einen großen Teil ihrer Lernkapazitäten dafür verwenden und diese von konventionellen Spielen und Freizeitbeschäftigungen wie z.B. dem Musizieren abziehen. Und auch von der regulären Schule. Ist es ok, dass sie sich damit dem Einfluss derer zunehmend entziehen, die ihnen etwas beibringen wollen, das sie aus eigener Erfahrung für wert oder wichtig erachten?