Instrumentallehrer zwischen Sonderpädagogik, Edutainment und Erschöpfungsdepression

Haben Sie auch Schüler, die nicht oder nur ganz wenig üben? Wenn ja - wünschten Sie sich ein kleines Druckmittel, das sie aber nicht haben, weil ja jeder Schüler gleichzeitig ihr "König Kunde" ist? Haben Sie schlimmstenfalls manchmal das Gefühl, dass sie Verantwortung dafür haben, dass ihr Schüler keine Lust hat? Das negative Gefühl bei der Arbeit verringert sich deutlich, wenn man den sonderpädagogischen Status des privaten Instrumentallehrers akzeptiert und versucht, mit weniger Eifer mehr Spaß zu haben ... und am Ende sogar mehr Erfolg.  

Die meisten Instrumental-Unterrichtsverhältnisse sind privatwirtschaftlich organisiert. Der Instrumentallehrer ist ein Dienstleister und der Schüler ein Kunde, welcher für das Honorar des Lehrers aufkommt - mindestens. Diese Realität wird zuweilen verdeckt, weil Eltern die "Auftraggeber" sind. Aber im Grunde ändert es nichts daran: Im Instrumentalunterricht geht es antiautoritärer zu als in der Waldorfschule. Es gibt kein definiertes Ausbildungsziel, keine  Leistungsnachweise und keine festgelegte Ausbildungsdauer. Der Schüler wird solange unterrichtet, wie er lustig ist. Die Pädagogik folgt deshalb dem Lustprinzip. Eigentlich ist das paradox. Instrumentalunterricht ist eine spezielle Form der Unterhaltungskunst geworden. Man muss das nicht anerkennen, aber dann muss man damit leben, dass einem die Schüler davonlaufen. Doch bevor sie weglaufen, gehen sich Lehrer und Schüler für ziemlich viel Geld gehörig auf die Nerven. 

Instrumentalunterricht ist für den Schüler eine Freizeitaktivität, die - egal ob Kind oder Erwachsenener - mit vielen anderen Aktivitäten konkurriert. Im besten Falle werden die Kapazitäten von Pflichten wie Ausbildung, Arbeit oder Familie beschnitten. Oft ist es aber schlicht und ergreifend die mangelnde  Lust. Das ist auch ganz normal, denn andere Aktivitäten sind attraktiver als das Musikmachen (vom Üben will ich ja gar nicht reden). 
Kein Spaß - kein Erfolg, kein Erfolg - kein Spaß. Der Instrumentallehrer ist ein Sonderpädagoge. Seine besondere Fähigkeit besteht darin, geschickt in diese Abwärtsspirale einzugreifen, welche sich meist schon nach wenigen Monaten zu drehen beginnt. Und eine weitere besondere Fähigkeit sollte darin bestehen, das Frustrationspotential einzuschätzen, das durch zu hohe Ansprüche in der  musikalischen (Volks-)Bildung entsteht - vor allem beim Lehrer, denn er kann höchstens den Job, nicht aber die Schüler wechseln. Etwas krass formuliert hat er langfristig die Wahl zwischen Edutainment und Erschöpfungsdepression.  

Was meine ich mit Edutainment (Wortgemisch aus Education und Entertainment)? Ein Bildungsunterhalter geht grundsätzlich davon aus, dass der Schüler keine Leistung zu erbringen hat, außer am Unterricht teilzunehmen und dafür zu bezahlen. Der Edutainer bietet, genauso wie ein Entertainer, ein von ihm erarbeitetes Programm an. Er geht davon aus, dass dieses Programm letztlich die vom Rezipienten gewünschte Wirkung hat, welche konkret wäre, dass der Schüler Musikmachen können soll. Ein Unterhaltungskünstler kann das Publikum nicht dazu verpflichten, dass es klatscht und tanzt und mitsingt, obwohl das Publikum genau das am liebsten möchte. Analog dazu ist sich der Edutainer dessen  bewusst, dass allein der Inhalt seines Programms den Schüler zur (durchaus notwendigen und letztlich von beiden Seiten gewollten) Mitarbeit ( = zu Hause üben) bewegen kann. Und am besten wäre es, wenn er seine Darbietung zur Not auch ohne Mitarbeit des Schülers erbringen kann - so wie ein guter Unterhaltungskünstler auch mit widrigsten Publikumsverhältnissen umgehen können sollte. 

Gehen Sie vielleicht einfach mal davon aus, dass Ihr Schüler nicht übt. Nehmen Sie an, dass der Schüler nur im Unterricht das Instrument anfasst. Schauen Sie, ob es irgendeinen Weg gibt, mit ihm auf niedrigstem Niveau zu musizieren. Geben Sie vorsichtshalber jegliches Wollen in Bezug auf Ihren Schüler auf. Überlegen Sie nur, wie Sie ihm das Gefühl geben können, dass alles easy und unterhaltsam und spaßig ist. Machen Sie sich das Geldverdienen so schön und stressfrei wie möglich. Überlegen Sie aber, was Sie diesem uneffektiven Spaßunterricht für ihr eigenes Weiterkommen abgewinnen können und benutzen Sie die minimalen Fähigkeiten des Schülers für Ihre Zwecke. Z.B., dass Sie zum simplen Spiel Ihres Schülers auf höchstem Niveau improvisieren. Machen Sie Musik: David mit Goliath. So müssen Sie nicht warten, dass sich irgendwann was ändert und der Schüler womöglich beginnt, ernsthaft mitzuarbeiten. Ich muss Sie allerdings warnen, dass genau das dann passieren könnte. 

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