Vorsicht vor dem lehrenden Musiker

Ein ambitionierter oder ein erfolgreicher Musiker, der lehrt, wird über kurz oder lang feststellen, dass ein auf seinen Lernerfahrungen gestütztes Lehrkonzept bei den wenigsten funktioniert. Er überfordert den Durchschnittsschüler. Und das hat die Folge, dass dieser weniger Nutzen aus dem Unterricht zieht, als wenn er beispielsweise von einem Gitarre spielenden Ergotherapeuten unterrichtet werden würde.  

An meine ersten Jahre des Unterrichtens nach dem Studium denke ich mit Grauen zurück. Nicht dass ich mich damals schlecht gefühlt hätte. OK, kaum einer unterrichtet gern Vollzeit. Jeder träumt davon, eines Tages auf der Bühne mit der Musik seines Herzens Geld zu verdienen - klar. Nein, das Gefühl mit einer sinnvollen Tätigkeit relativ frei ein erstes Gehalt zu erarbeiten, war gar nicht so schlecht. Das Grauen schleicht sich heute ein, wenn ich mich in die Schüler von damals hinein versetze. 

Ein frisch gebackener Absolvent steht in gewisser Weise im Zenit, was seine Energie im eigenen musikalischen Schaffen angeht. Vermutlich wird er nie wieder im Leben so hart an sich arbeiten wie während des Studiums. Ein solches Energiebündel wird nun auf die Schüler losgelassen. Freilich gibt es eine pädagogische Ausbildung, die ich in meinem Fall in Bezug auf die Gitarre auch als hervorragend bezeichnen würde - ich nenne jetzt ausdrücklich den Namen Frank Hill. 
Auf was man aber nicht wirklich vorbereitet sein kann, ist die allmähliche Erfahrung des himmelschreienden Unterschieds der musikalischen Ambitionen des jungen Lehrers und der des Schülers. Meine erste Schülerin hätte ich bezogen auf das Lerntempo als durchschnittlich bis schlecht eingestuft. Nach etlichen weiteren Schülern jedoch stellte sie sich als die beste von allen heraus. Meine Vorstellung vom "Durchschnitt" war also total falsch. 

Wer Profimusiker wird, muss davon ausgehen, dass fast alle seine Schüler völlig anders sind als er, denn fast alle werden keine Profimusiker. Deswegen scheinen sie ihm überdurchschnittlich schlecht zu sein. Er braucht ein paar Jahre, um den Schnitt zu finden und vermutlich noch ein paar weitere um sich wirklich darauf einzustellen. Es braucht seine Zeit zu begreifen, dass die Schüler nicht im geringsten solche Ambitionen zur Musik haben wie er selbst und dass sie diese auch nie entwickeln werden, egal wie sehr man sich bemüht. 

Eine Mutter erzieht die Tochter in etwa so, dass sie selber wieder Mutter wird und ihre Tochter ebenfalls zur Mutter erzieht usw.. Der unterrichtende Profimusiker allerdings erzieht Amateure.

Jungen angehenden Lehrern, - egal ob sie vom Studium kommen oder sich als gestandene Amateure zum Gitarrenlehrer hin entwickeln wollen - passiert es erst einmal, dass sie einen viel zu hohen Anspruch an die Leistung und das Interesse des Schülers haben. Das merkt er am Anfang gar nicht, weil der Schüler ihm - dem frischen, sympathischen Lehrer und seinem pädagogischen Elan - vertraut und sich redlich bemüht. Doch nach einer Weile stellt er fest, dass der versprochene Weg einfach nicht funktioniert. Das Lehrbuch, das sein Lehrer damals in einem Jahr durchgespielt hat, hat  200 Seiten. Der Schüler aber ist nach einem Jahr auf Seite 15 und kann sich den Rest ausrechnen. 
Bis der junge Lehrer sich angepasst hat, vergehen wie gesagt ein paar Jahre - die Art der Anpassung reicht hier von revolutionären eigenen Unterrichtskonzepten bis hin zur emotionalen Totalverweigerung am Job - oder Quatschen statt Unterrichten. 


Ich muss schmunzeln, wenn ich auf Youtube multimedial fitte Gitarristen sehe, die eigene Lehrvideos hochladen - speziell im Segment: Anfänger. Wenn die ihre 1000 Abonnenten beobachten könnten, würden sie merken, welche krassen methodischen und didaktischen Fehler ihnen unterlaufen sind und welche klassischen Probleme sich dadurch bei vielen Anwendern über kurz oder lang einstellen.  Desweiteren die illusorischen Vorstellungen von Zeiträumen, in denen Dinge wirklich als gefestigt und gelernt betrachtet werden: "Hallo, gestern habt ihr die Akkorde D, G und A kennengelernt. Heute wollen wir  uns mit dem Fingerpicking beschäftigen."
Es hängt auch damit zusammen, dass sie sich als ihre eigenen Schüler vorstellen, dabei aber vergessen, dass sie selber wohl eher die Ausnahme sind. Sich selbst als Schüler vorzustellen, ist ja ein guter Weg zu sauberer Didaktik. Aber welche fantastischen Fehler und welche tollen Missverständnisse es in der Praxis gibt, kann man sich wirklich nicht an sich selbst vorstellen. Das ist eine Welt für sich, die man erst bei 50 Schülern plus mitbekommt. 

Und da sind wir direkt bei der nächsten Sache, die einem Lehrer mit Elan passieren kann: das Enzyklopädie-Konzept. Man entwirft solche Konzepte meist dann, wenn man in seinem eigenen riesigen Fundus Ordnung schaffen will. Das was der Schüler am meisten will und braucht, wird in einem riesigen Karton mit jeder Menge Beipack geliefert. Das haben die Werke so an sich, mit denen man sich selbst eine Ordnung an Techniken, Übungen und Begriffen geschaffen hat, und von denen man glaubt, sie würden den Schüler genauso erfreuen wie einen selbst. Der Schüler allerdings wird von der Enzyklopädie erschlagen, weil er nicht im Ansatz über die musikalische Erfahrung verfügt, die das vom Profi gewählte Maß an Genauigkeit und Vollkommenheit  rechtfertigen würde.

Für mich hat Lehren mit dem, was ich als Musiker bin oder mache, erstmal nichts zu tun. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Musikersein eine Kontraindikation für Lehrersein ist. In der Not frisst der Teufel aber Fliegen und man ist als Musiker dann doch lieber Gitarrenlehrer als Kellner. 
Die häufigsten Worte, die ich im Unterricht verwende sind: Eins, Zwei, Drei und Vier. Ergotherapeut - Spezialrichtung zeitgebundene Feinmotorik wäre die treffende Berufsbezeichnung. Es hat mit dem, was ich mal studiert habe, nichts zu tun, außer dass ich damals etwas über die physiologischen Zusammenhänge beim Gitarrenspiel erfahren habe, auf das ich vermutlich nie gekommen wäre - egal wie lange und wie gut ich ohne Studium Gitarre gespielt hätte.  
Das hilft, die immergleichen Probleme zu analysieren und zu lösen und intelligente Wege zu suchen, die dem Schüler das Lernen so leicht und erfolgreich wie möglich machen. Wie ein Therapeut eben. Aber nicht wie ein Musiker, der glaubt, dass sich seine Fähigkeiten auf den Schüler übertragen, so wie etwa das Kind das Sprechen durch das Nachahmen der Eltern lernt. Das funktioniert einfach nicht, dazu ist der Unterschied zwischen einem unterrichtenden Musiker und einem ganz normalen Schüler viel zu groß.   

MMM - die 3 M für den guten Gitarrenlehrer


Was macht einen guten Gitarrenlehrer aus? Für mich stehen hier 3 M. Das erste M für den Menschen, das zweite M für den Musiker und das dritte M für den Musikpädagogen.  

Bildung ist keine reine Lernstoffvermittlung. Wenn Politiker oder Unternehmer von Bildung sprechen, meinen sie meistens die Qualifikation zu bestimmter geldwerter Tätigkeit. Bildung kommt jedoch nicht ohne Erziehung und ohne Beziehung aus. Der privat tätige Musiklehrer wird als Bildungsdienstleister wahrgenommen. Von ihm würde man am wenigsten eine persönliche Beziehung zu seinen Schülern erwarten, weit weniger als z.B. von einem Schullehrer mit staatlichem Bildungsauftrag. 

Ich denke aber, dass das erste M, das für Mensch steht, von den Schülern am meisten nachgefragt wird. Gerade weil der meiste Instrumentalunterricht im Einzelunterricht stattfindet, sucht man nach einem sympathischen, umgänglichen und freundlichen Lehrer. Wenn er überdies noch unterhaltsam und humorvoll ist, braucht er in der Probestunde die Gitarre gar nicht raus zu holen - es ist dem Schüler nämlich erstmal egal, wie gut der sympathische Lehrer spielen kann. Er möchte sich wohl und entspannt fühlen. Viele Schüler sind am Beginn der Ausbildung sehr unsicher, ob sie denn wirklich zum Gitarrelernen geeignet sind, ob das was für sie ist usw.. Eine entspannte Atmosphäre befreit sie ein Stück weit von diesem Druck. 

Erst in zweiter Instanz interessiert sich ein Schüler für die Qualifikation des Lehrers. Und diese macht er als erstes an dem fest, was er vom Lehrer hört - das M für den Musiker. Hier fliegen dem Musikanten die Herzen des Publikums zu. Nicht dem selbstverliebten Virtuosen. Wenige Töne reichen auch dem Laien aus, um zu hören, ob da ein Profi am Werk ist oder nicht. Ein ganz normaler Schüler hat kaum die Gelegenheit, einem halbwegs guten Gitarristen zuzuhören und ist deswegen relativ leicht zu beeindrucken. Ein Musikant wirkt einladend und motivierend. Er kann den Spaß an der Musik vermitteln und lenkt ab von dem Ernst, der den Schüler eh viel mehr beschäftigt als den Lehrer. Auch hier bevorzugen die Schüler also das krampflösende Mittel - den singenden Alleinunterhalter, den Spaßmacher, den Praktiker. Der bierernste Gitarre-ist-schwer-und-brotlos-Musikpädagoge hat es da schwerer. 

Wovon der Schüler überhaupt keine Ahnung haben kann, ist die Musikpädagogik. Die Wirksamkeit der Mittel des Lehrers ist reine Vertrauenssache, die sich dummerweise aus den ersten beiden M's von selber ergibt. Das ist sicher bisschen schade, denn ich persönlich halte die Langzeit-Erfahrung mit möglichst vielen Schülern für einen ganz wesentlichen Faktor der Professionalisierung und demzufolge das letzte M (für Musikpädagoge) als das für den Schüler wertvollste. Wenngleich es der Schüler kaum einschätzen und vergleichen kann. Ein introvertierter, musikalisch hölzerner Typ kann mit den richtigen Methoden ein richtig guter Lehrer sein. 
Stellen Sie sich einen Arzt vor, der als Mensch schrecklich ist, der aber eine Therapie hat, die sie gesund macht. Gerade bei Medizinern möchte man meinen, dass Sympathie und Kompetenz miteinander verbunden sind. Genauso aber kann Inkompetenz mit menschlich anziehenden Qualitäten getarnt werden, oder auch Geschäftsgebaren mit außerordentlicher Freundlichkeit usw.. 

Alle drei M's gehören zusammen, sie werden nur vom Schüler in entgegengesetzter Reihenfolge bewertet wie vom Gutachter. 
Ein Schüler kann sich in 3 Jahren Gitarrenunterricht richtig wohl fühlen und dann feststellen, dass er trotz Sympathie zu einem guten Musiker nicht weit gekommen ist. Oder noch viel häufiger und schlimmer: Gewisse Mängel und Fehler in der Musikpädagogik seines Lehrers kann er nicht erkennen, und sucht die Schuld bei sich ("Ich bin untalentiert"). Oder der sympathische Lehrer forciert am Ende Frust ("Du musst mehr üben"). Umgekehrt kann sich ein anfangs etwas anstrengendes Verhältnis zum Lehrer stetig mit dem Erfolg und dem Spaß am Können verbessern. 

Ich habe mal gelesen, dass das Verhältnis zum Psychotherapeuten der wichtigste Faktor für den Erfolg der Therapie ist. Im gleichen Artikel allerdings las ich, dass die Wirkung bestimmter Therapien und Ansätze nicht nachgewiesen werden konnte. Ein passender Therapeut kann am Ende also mit einer unpassenden Therapie genauso erfolgreich sein wie ein unpassender Therapeut mit einer passenden Therapie. So in etwa scheint es auch im Gitarrenunterricht zu sein. Ein Placebo-Effekt sozusagen, der entsteht, wenn sich der Schüler mit Hilfe der entsprechenden menschlichen Anregung selber über die mangelnde Wirksamkeit des Lehrerkonzeptes hinweg hilft. 
Am Ende scheinen also in der Praxis alle M's das gleiche Gewicht zu haben.